Heimatmuseum Vilsbiburg   ∙   Kröninger Hafnermuseum

02/25/18

Das einzig Beständige ist der Wandel

Typische Wohn- und Geschäftshäuser wie sie die Vilsbiburger Kirchstraße in den 1950er Jahr prägten. (Fotos: Archiv Heimatmuseum Vilsbiburg
Die Kirchstraße wird zur Frontenhausener Straße. Der Kanal ist bereits verlegt; nun bekommt sie eine Asphaltdecke. Das Liebl-Haus links hinten ist schon zur Hälfte abgebrochen und ermöglicht so die freie Durchfahrt vorbei an der Kammgarnspinnerei Seiler

In der Kirchstraße hat sich vieles verändert – Sonderausstellung geht zu Ende

 

Schon die Bezeichnung der Landstraße, auf der man die Stadt vilsabwärts verlassen kann und die man heute als Frontenhausener Straße kennt, war eine andere. Gleich hinter dem Modehaus Brandl trat man vor rund sieben Jahrzehnten in die Kirchstraße. In dem ersten Haus auf der linken Seite befand sich die Wagnerei Bittl und bald nach dem letzten Weltkrieg eröffnet dort die Lebensmittelkette Tengelmann ihren ersten Standort in der Stadt. Die Verkäuferinnen bedienten noch über den Tresen und es gab für jeden Einkauf Rabattmarken, die man in eine Karte klebte. War  diese voll, wurde die stolze Summe von einer Mark und fünfzig Pfennigen erstattet. Diese Verkaufsstrategie wird der Anna Stein, die einige Häuser weiter eine Kramerei und ein Milchgeschäft betrieb, weniger gefallen haben. Dem Uhrmacher Franz Aschenbrenner gleich daneben war die neue Nachbarschaft wohl eher gleichgültig. Ging man weiter, kam man am Pelzhaus Königbauer vorbei. Auf der anderen Straßenseite wurden eigenartige Automobile, scherzhaft auch als „Leukoplast-Bomber“ bezeichnet, verkauft und repariert. Die Lloyd-Vertretung betrieb der Kaufmann Ludwig Ostermaier, der einstmals mit einem Fahrradgeschäft begonnen hatte. Gleich über den Hof befand sich das Fotohaus Bergmann, in das man die Rollfilme aus der Agfa-Box zum Entwickeln brachte. Schreibwaren bekam man bei Rosa Eiermann und wieder ein Haus weiter fand sich der „Wackerl-Wirt“, eine markante Gastronomie traditioneller Prägung. Da immer wieder treue Gäste das Lokal in erbarmungswürdigem Zustand verließen, bestätigte sich die Behauptung, dass diese Schänke  trotz ihres beschränkten Platzangebotes den höchsten Bierausstoß der Aktien-Brauerei gehabt haben soll. Auch zwei Ärzte betrieben in dieser Häuserzeile ihre Praxen. Dr. Rudolf Kastl im heutigen Hussinger-Anwesen und Dr. Franz Kastl neben eben diesem Wackerl-Wirt.

 

Wieder auf der linken Straßenseite befanden sich das Textilgeschäft von Max Hofstetter, die Bäckerei Kleingütl, die Metzgerei Jagenlauf und das Schuhhaus von Peter Sickinger. Man muss also an sehr vielen vorstädtischen Bürgerhäusern vorbei gehen, um zu einem zu gelangen, das heute noch dieselbe Nutzung hatte wie in den 1950er Jahren (und das übrigens auch schon zwischen den Weltkriegen bestand). Dominiert wurde die Kirchstraße vom massiven Bau des Amtsgerichts und schräg vis a vis wartete eine weitere Wirtschaft auf trockene Kehlen, nämlich die von Michael Stammler. Unweit dahinter stand als schwarzer Riegel der Blockbau der Familie Liebl quer in der Fahrbahn. Geradeaus in Richtung Kolpinggaststätte führte nur ein schmaler Fußweg. Wer also nach Gerzen oder Frontenhausen wollte, musste scharf links zur Pfarrkirche hinauf abbiegen und am Pfarrhof mit seinen mächtigen Ökonomiegebäuden vorbei dem Verlauf der jetzigen Kirchstraße folgen. Unten am Rettenbach bei der kleinen Kramerei der Maria Ecker war die Stadt schon fast zu Ende und in Höhe des heutigen Landkreis-Bauhofes begann schon die Gemarkung der Gemeinde Seyboldsdorf.

 

Leben in der Straße

 

Die Fahrbahn in der Kirchstraße der frühen 1950er Jahre bestand noch aus Sand und meist losen Kieselsteinen, die Wasserversorgung war noch ziemlich neu. In manchen Hinterhöfen befanden sich noch Brunnen mit einer Tiefe von drei bis vier Metern, aus denen man Handpumpen das Wasser herauf geholt wurde. In diesen Jahren drang auch ein städtischer Kanal in die Kirchstraße vor. Vorher hatte man die Abortgruben noch von Hand entleert und die Behälter durch die Anwesen auf die Straße getragen, wo ein Landwirt den streng riechenden Inhalt für seine Felder abholte. So geschah dies auch bei der Bäckerei Kleingütl. Deren Hausgang war nicht sehr breit und an einer Seitenwand kühlten auf hohen Regalen die frischen Brote aus. Diese Art der Entsorgung löste bei der möglichen Kundschaft eine nicht geringe Besorgnis aus. Ein anderer Vorgang, den man so heute auch nicht mehr kennt, war zu jener Zeit ganz selbstverständlich. Jeden Abend, nachdem das Tagwerk des Metzgermeisters vollbracht war, legte Josef Jagenlauf ein Paar Würste oder eine Scheibe Leberkas auf ein Schneidebrett, fügte einen Keil Brot und einige Gurken hinzu und trug diese Lebensmittel quer über die Straße zum Wackerlwirt. Dort bestellte er sich eine Halbe Bier und vielleicht auch eine zweite und verzehrte in aller Ruhe die mitgebrachte Brotzeit. Heute würde wohl ein solcher Gast bei jedem Wirt auf erhebliches Unverständnis stoßen.

 

In der Vilsbiburger Museumsschrift Nr. 19, die zur Sonderausstellung im Heimatmuseum erschienen ist, können noch viele andere Begebenheiten aus einem typischen Vorstadtgebiet wie der Kirchstraße nachgelesen werden. Die lebendigen Schilderungen vermitteln ein realistisches Bild, wie nachhaltig sich über die Jahrzehnte hinweg das Leben in einer kleinen Stadt verändert hat. Allerdings vollzog sich dieser Wandel schrittweise und fast alle Veränderungen fügten sich harmonisch in das Gesamtbild ein. Denkt man rund 70 an die Kindheit in Vilsbiburg zurück, findet man sich noch immer in den Strukturen der Straße zurecht – auch wenn sich die Nutzung fast aller Häuser in der Zwischenzeit gewandelt hat

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