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„Der Leichengeruch lag über der ganzen Stadt“

Henry Neugebauer überlebt mit viel Glück in Seyboldsdorf die Schrecken des Todesmarsches. (Foto aus dem Jahr 1947, Heimatmuseum Vilsbiburg)
Im Juni 1945 befiehlt die amerikanische Militärregierung die Exhumierung der mehr als 80 rund um Vilsbiburg ermordeten KZ-Häftlinge. (Foto Heimatmuseum Vilsbiburg)
Seit dem Jahr 1946 erinnert dieser Gedenkstein der Stadt Vilsbiburg an die auf dem Friedhof ruhenden Teilnehmer der Todesmärsche. Nach der Umbettung der sterblichen Überreste in die Gedenkstätte Flossenbürg im Jahr 1956 wird das Denkmal entfernt und erst 1998 durch ein ähnliches ersetzt. (Foto Heimatmuseum Vilsbiburg)
Zum Gedenken an die Opfer des Todesmärsche aus dem KZ Dachau hat der Künstler Hubertus von Pilgrim, wie hier östlich des Starnberger Sees, 23 identische Erinnerungswerke geschaffen. (Foto Manfred Lück)
Auch über Dingolfing, Gerzen und Aich bewegt sich eine Kolonne aus dem KZ Flossenbürg. Bei Frauenhaselbach werden mehrere ermordet. An sie erinnert dieses schlichte Kreuz (Foto Peter Käser)

Todesmärsche sind der letzte Beweis für die totale Entartung des Naziregimes

Genau 75 Jahre sind seither vergangen. Der 19jährige Mann aus dem polnischen Zarki ist in Seyboldsdorf angekommen und sieht sich vor eine überlebenswichtige Entscheidung gestellt. Noch heute mutet diese an wie die Wahl zwischen Pest und Cholera. Henry Neugebauer, der mit einer Kolonne Leidensgenossen von Buchenwald bei Weimar über Flossenbürg gebracht wurde, schildert das in seinen Erinnerungen so: „Ich dachte bei mir, dass ich keinen Schritt weiter gehen könne, dass ich keine Kraft mehr hatte. Ich konnte mich nicht mehr auf den Füßen halten. Ich wusste, dass sie mich ohnehin erschießen würden, da ich nicht mehr gehen konnte. Das gleiche Risiko bestand, wenn ich versuchen würde, mich zu verstecken.“

 

„Sie“, das sind die Angehörigen der Schutzstaffel (SS) mit dem Auftrag, die zahlreichen Konzentrationslager zu evakuieren und die Häftlinge in langen Kolonnen dorthin zu transportieren, wo man die Siegermächte noch nicht vermutet. Florian Obermayer kann in seinem Beitrag über die „Todesmärsche“ konkrete Ziele der bemitleidenswerten Kreaturen nicht benennen. Die bisweilen geäußerte Vermutung, die Häftlinge sollten in die legendäre „Alpenfestung“ deportiert werden, sei ein nachträglicher Erklärungsversuch. Allerdings habe das NS-Regime bereits im Jahr 1942  bei der so genannten Wannsee-Konferenz das Prinzip „Vernichtung durch Marschieren“ als geeignetes Mittel zur Beseitigung unerwünschter Subjekte ersonnen. Auch damals vor 75 Jahren kommt diese Methode im Raum Vilsbiburg zur Anwendung - und nicht nur in Einzelfällen. Henry Neugebauer hat dies schon mehrmals miterlebt auf seinem bisherigen langen Weg und zieht daraus seine Schlüsse.

Getötet am Wegesrand

Kann ein Gefangener vor Erschöpfung nicht mehr weiter, erledigen die Folterknechte den Fall kurz und entschlossen, gerne am nächsten Waldrand. Dort hat nämlich die Nachhut, eine traurige Gruppe von Häftlingen mit Handwagen und einigen Werkzeugen, die beste Gelegenheit, den geschundenen Leichnam möglichst unauffällig zu verscharren. Also entscheidet sich Neugebauer trotz höchstem Risiko, für die Option der Flucht. Der Stadel, in den er sich rettet, ist zu zwei Dritteln gefüllt mit Heu. Dort hinein vergräbt er sich und stellt schnell fest, es haben schon einige andere Gefangene hier Zuflucht gesucht. Brisant wird es zum ersten Mal, als die Wachmannschaft das Fehlen mehrerer Leute bemerkt und die Scheune ausspäht. Da jedoch ein gewisser Zeitdruck herrscht, fällt die Suche nur oberflächlich aus. Schließlich bricht die Kolonne weiter in Richtung Vilsbiburg auf. Als die Anspannung abfällt, meldet sich der Hunger. Irgendwo finden die Männer einige Handvoll Hafer, ein anderes Mal ein paar Eier und zu guter Letzt läuft ihnen ein unvorsichtiges Huhn über den Weg. Im rohen Zustand schlingen sie das Fleisch hinunter. Einen Ungarn kann auch das nicht mehr retten. Er stirbt entkräftet im Heustock.

Wieder höchste Gefahr

Der Bäuerin bleichen die Vorgänge in ihrem Stadel nicht verborgen. Wenig später betritt ein deutscher Feldwebel den Raum und brüllt: „Ich weiß, dass ihr hier seid!“ Was bleibt den Häftlingen übrig als das Versteck zu verlassen. Schlotternd vor Angst und Kälte steht die kleine Gruppe im Hof. Es ist ein eisiger Tag dieser 30. April 1945. In diesem Moment kommt ein Soldat hoch zu Ross heran und erstattet dem Feldwebel eine Meldung. Die Gefangenen bekommen den Inhalt nicht mit. Aber die Vermutung liegt nahe, dass die Mitteilung den „Größten Feldherr aller Zeiten“ betrifft, der an diesem Tag in Berlin von der Fahne gegangen ist. Jedenfalls gibt der Unteroffizier anschließend jedem der Häftlinge mit den Worten „Ihr werdet es noch gut haben!“ einen ermutigenden Klaps auf die Schulter, bestellt ein Auto, und lässt die bemitleidenswerten Kreaturen in das Vilsbiburger Krankenhaus bringen. Florian Obermayer listet in seinem Beitrag in der Vilsbiburger Museumsschrift mehrere vielköpfige Kolonnen aber auch kleinere Gruppen auf, die zwischen dem 27. April und dem Einmarsch der amerikanischen Truppen im Vilsbiburger Land unterwegs sind. Insgesamt dürften es rund 1.600 Gefangene sein. Durch Vilsbiburg selbst bewegen sich etwa 700 KZ-Häftlinge. Es gibt somit für die Bürger ausreichend Gelegenheit, die verhängnisvollen Ergebnisse nationalsozialistischer Politik eingehend zu beobachten.

US-Erziehungsmethoden

Die amerikanischen Besatzungstruppen wollen es bei diesem Anschauungsunterricht jedoch nicht belassen und entwickeln weitergehende pädagogische Maßnahmen. Sie statten ehemalige lokale Nazigrößen mit dem notwendigen Werkzeug aus und befehlen, die an den Marschrouten zurück gebliebenen Leichname auszugraben. Insgesamt bergen die Kommandos im engeren Umland von Vilsbiburg mehr als 80 schon in Verwesung übergegangene Körper. Danach werden die sterblichen Überreste auf dem Friedhofsteil links vom Leichenhaus offen aufgebahrt werden. Damit der Eindruck der Schandtaten möglichst nachhaltig ist, zitieren die Vertreter der Siegermacht die gesamte Bevölkerung herbei, um an den offenen Särgen vorbei zu defilieren. Stadtpfarrer Dr. Anton Goetz hat die Aufgabe, die Toten vor der Bestattung zu segnen. Assistiert wird er dabei von einem jungen Geistlichen aus Österreich, den die Geheime Staatspolizei nach dem so genannten Anschluss an das Reich wegen politischer Unzuverlässigkeit nach Vilsbiburg verbannt hat. Prälat Joseph Ernst Mayer erinnert sich noch im hohen Alter bei einem Gespräch in Wien: „Der Leichengeruch lag über der ganzen Stadt!“

Doch die Ausdünstungen des Verderbens über der niederbayerischen Kleinstadt sind Hitler nicht genug. Seine Absicht ist, über die gesamten Reste seines „Großdeutschen Reiches“ ein Leichentuch zu breiten. Im so genannten Nerobefehl vom 19. März 1945 macht der Diktator seine Absicht überdeutlich, nicht nur den KZ-Häftlingen, sondern allen Deutschen jede Überlebensmöglichkeit zu nehmen. Im Originaltext liest sich das so: „Wenn der Krieg verloren geht, wird auch das Volk verloren sein. [….] Es ist nicht notwendig, auf die Grundlagen, die das Volk zu seinem primitivsten Weiterleben braucht, Rücksicht zu nehmen […].“ Einzig der weitgehende Auflösungsprozess des Staatsapparates verhindert die Umsetzung dieses Diktats.

Peter Barteit

 

Quellen:

Obermayer Florian: „Mai 1945: Der Nationalsozialismus vor dem Aus. Todesmärsche ziehen durch Vilsbiburg“, in: Vilsbiburger Museumsschrift Nr. 10, 2008.

Neugebauer Henry: „Liebe im Schatten des Hakenkreuzes“ in: Vilsbiburger Museumsschrift Nr. 16, 2015

 

 

 

 

 

 

 

 

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