Reger Handel prägte mehr als hundert Jahre an jedem Samstag das Ortsbild

 
Es war sehr übersichtlich geworden auf den traditionsreichen Handelsplatz zwischen der Mayerschen Apotheke und dem Elektrogeschäft Hammer. Nur wenige Bauern kamen noch mit ihren jungen Schweinen nach Vilsbiburg. Sie vermarkteten ihre Tiere lieber ab Hof und so konnten auch die Viehhändler keine Geschäftsgrundlage für sich mehr erkennen. Die Stadtväter zeigten sich angesichts des Niedergangs besorgt und als Bürgermeister Josef Billinger am 7. Februar 1974 das Thema auf die Tagesordnung setzte, dachte man sich für den seit mindestens 1856 nachweisbaren Ferkelmarkt eine hinhaltende Vorgehensweise aus.

 

Bedauert wurde diese Entwicklung vom Gremium zwar schon, gehöre doch der Markt seit Jahrhunderten zum Stadtbild. Man werde künftig auf die Erhebung von Gebühren und die Erstellung von Marktberichten zu verzichten. „Durch dieses passive Verhalten soll der Markt quasi eingeschläfert werden.“ So liest sich der für  die Formulierungskünste des damaligen Geschäftsleiters Karl Fromberger typische Eintrag im Protokollbuch. Im November beschäftigte sich das Gremium erneut mit der Thematik. Die Einschläferungs-Strategie hatte Wirkung gezeigt; denn seit Mai dieses Jahres seien kaum noch Ferkel angefahren worden. Davon leitete der Stadtrat mangelndes Interesse an dem Markt ab und beschloss, ihn Ende des Jahres einzustellen.

 

Wie war das gut zwei Jahrzehnte vorher noch anders! Im Jahr 1949 ging es den Verbrauchern, anders als heute, keineswegs um die Vermeidung von Kalorien im täglichen Nahrungsangebot. Da lobte der Vilsbiburger Anzeiger die Bedeutung der sprunghaften Erhöhung des Schweinebestandes nach dem Krieg. Einen wesentlichen Anteil an dieser für die Ernährung der Bevölkerung wichtigen Entwicklung leisteten die Viehmärkte. „Rückblickend darf man wohl behaupten, dass Bauer und Züchter gemeinsam mit dem Händler die katastrophalen Versorgungszustände der ersten Nachkriegsjahre schneller überwunden hat, als man zu hoffen wagte“, stellt das Blatt zusammenfassend fest.

 

Die ordnende Hand von Michael Wippenbeck

 

Über die etwas formale Betrachtungsweise des Presseberichtes hinaus brachte der Vilsbiburger Ferkelmarkt Samstag für Samstag pralles Landleben mitten in die Stadt. Die Bauern aus dem Vilsbiburger Land kamen mit Pferdefuhrwerken oder Motorradanhängern, die fortschrittlicheren auch mit Bulldog oder VW-Käfer und stellten ihre Erzeugnisse zur Schau. Unumschränkter Herrscher über das Geschehen war Gemeindediener Michael Wippenbeck. Er kassierte die Marktgebühr von 50 Pfennigen pro Stück, die auch das Entgelt für die Viehbeschau enthielt. Daher kam er auch immer in Begleitung des Amtstierarztes. Um sich das lästige Zählen der Jungtiere zu ersparen, fragte Wippenbeck den jeweiligen Landmann, wie viele Ferkel er dabei habe. Gestimmt habe die genannte Zahl nie, erinnert sich sein Enkel Johann Allertseder. Aber war die Abweichung nicht zu gravierend, wurde es geduldet.

 

Denn es gab zuweilen entschieden größeres Konfliktpotential auf dem Ferkelmarkt. Einige Schlauberger unter den Viehhändlern erwarteten die eintreffenden Bauern bereits an der Vilsbrücke und lotsten sie in das Löchl, um dort unter Ausschaltung der Obrigkeit ihre Geschäfte abzuwickeln. Diese Praktiken waren vom Gemeindediener unverzüglich zu unterbinden. Natürlich waren auch seriöse Kaufleute auf dem Platz zu finden. Der legendären Außermeier Otto gehörte dazu, ebenso wie Josef Michalski, Hans und Fred Holzner und Josef Seisenberger. Und dann gab es noch die so genannten Schmuser, wie der Danner Mich einer war. Sie beobachteten intensiv die Szenerie und versorgten die Viehhändler gegen ein kleines Entgelt, den „Schmus“ mit wertvollen Tipps. Doch dabei war Vorsicht geboten. Unsichtbar lag über dem Markt ein fein abgestimmtes Netz von Reviergrenzen. Und wenn ein Schmuser dem anderen „ins Gäu“ ging, konnte er sich schon einmal eine saftige Watschn einhandeln. Gelegentlich mussten sogar die Beamten der Stadtpolizei ihre Wache im Rathaus verlassen, um die Streithähne amtlicherseits zu besänftigen.                                       

 

Treffpunkt von Stadt und Land

 

Doch alle Aufgeregtheiten waren vergessen, wenn es um das leibliche Wohl ging. Dafür sorgte während des Marktes der Schlecht Sepp mit seinem Wurstkessel, den er in der Metzgerei Stammler mit heißen Weißen und Wienern füllte. Er versorgte übrigens auch die Beamten und Angestellten in den Behörden der Kreisstadt, die Anfang der 1950er Jahre am Samstagvormittag noch in ihren Büros anwesend zu sein hatten. Und auch nach Marktende eilte niemand mit hektischer Geschäftigkeit nach Hause. Die Bauern hatten mit 25 bis 30 Mark pro Ferkel gut verdient, die Händler immer noch Geld übrig, andere ihren Schmus oder ein wenig Schwanzlgeld in der Tasche. Genug auf jeden Fall für eine Maß (oder auch mehrere) in den Gasthöfen am Platze, beim Stammler, beim Haslbeck und beim Bräu oder auch in den kleineren Wirtschaften, wie beim Wackerlwirt oder beim Vogel in der Kirchstraße, von wo der kleine Hans seinen Opa zuweilen abholen musste, wenn er beim Kartenspiel aufs Heimgehen vergessen hatte.

 

Der Ferkelmarkt  war über das reine Handelsgeschehen hinaus Treffpunkt und Informationsbörse im weitesten Sinn. Er zog er auch Leute an, die weder einen Läufer oder ein Spanferkel zu verkaufen hatten, noch vorhatten, solche Tiere zu erwerben. Sondern einfach nur Neuigkeiten erfahren wollten. So manch anderes Geschäft wurde am Vilsbiburger Stadtplatz eingefädelt. Und wenn eine Hochzeiterin gesucht wurde, wusste sicher irgendwer, wo eine solche zu finden und wie viel Geld sie mitzubringen in der Lage war. Den Ferkelmarkt hatte man zu besuchen, lautete für verschiedene Bevölkerungskreise ein ungeschriebenes Gesetz. Einer der Beteiligten erzählt noch heute, dass sich in seiner Familie ausgerechnet an einem Samstag Nachwuchs eingestellt hatte. Über die Prioritäten gab es keinerlei Diskussion: Erst ging man auf den Markt und dann zur Frau ans Wochenbett.
Peter Barteit
 

Ein lang gehegter Wunsch ging in Erfüllung

Sanierung des über 170 Jahre alten Rückgebäudes hinter dem Museum fand seinen Abschluss.
Das Foto von etwa 1955 zeigt die umfangreichen, allerdings nicht mehr sehr ansehnlichen Verbindungsbauten zwischen dem Spital- und dem Rückgebäude kurz vor dem Abbruch. Der bauliche Zustand dürfte dem vom 17. bis Anfang des 19. Jahrhunderts gleichen.
Vilsbiburg. Das nun sanierte und kürzlich fertig gestellte Rückgebäude hinter dem Heimatmuseum, dem ehemaligen Heilig-Geist-Spital, soll hier im Zusammenhang mit dem Spital in seiner baulichen und geschichtlichen Entwicklung näher betrachtet werden. Die wohl ältesten Bauten Vilsbiburgs stellen die zum historischen Ensemble zählenden Gebäude des ehemaliges Heilig-Geist-Spitals mit der um 1400 als Katharinenkapelle erbauten Kirche sowie des Stadtturms dar. Mit dem 1476 vom gebürtigen Vilsbiburger Kaspar Westendorfer gestifteten „Inneren“ Spital am Marktplatz und dem so genannten Äußeren oder Armen Spital am Oberen Markt (heute Pannermayr), hat dieser eine fast über 500 Jahre alte Tradition der Kranken- und Armenpflege begründet und alten und gebrechlichen Bürgern einen geregelten Lebensabend ermöglicht. In der in lateinischer Sprache abgefassten Stiftungsurkunde bestimmte Westendorfer für das neu erbaute Haus ausdrücklich den Platz bei der Katharinenkapelle, der späteren Spitalkirche.

 

Das Äußere Spital an der Oberen Stadt mit Spitalstadel, Obstgarten und einem weiteren Gebäude diente in erster Linie der ausgeübten Landwirtschaft und damit zur Selbstversorgung der Spitalbewohner. Das Areal hinter dem Spital am Stadtplatz, zwischen Hauptgebäude und dem Rückgebäude, bildete einen kleinen Hof mit Brunnen, der zur Oberen Stadt hin mit der dann 1902 abgebrochenen Ringmauer abschloss.

 

Das Rückgebäude

Die ab der Mitte des 17. Jahrhunderts erhaltenen Rechnungsbücher des Spitals lassen in dem kleinen Hof hinter dem Hauptgebäude den Bestand eines Gebäudes mit einem Verbindungsbau erkennen, was der Katasterplan des Marktes Vilsbiburg von 1810 bestätigt. 1823/24 waren im Spitalgebäude größere Reparaturen nötig. Dazu fertigte der Vilsbiburger Landgerichtsmaurermeister Anton Wagner, heute mit dem Kreisbaumeister vergleichbar, einen Bestandsplan über das Ensemble Spital, der Kirche und dem Verbindungsbau zu einem schon bestehenden Rückgebäude. Der Plan lässt durch eine eingezeichnete Bleistiftskizze im Bereich des Rückgebäudes erkennen, dass an einen Abbruch des bestehenden Gebäudes mit Ersatzbau gedacht war. Dieser Bau beherbergte bis dahin in einem überwölbten feuersicheren Raum des Erdgeschoßes die Registratur, also das Archiv des Heilig-Geist-Spitals. Der erste Stock war für ein Krankenzimmer sowie einem weiteren Wohnraum bestimmt. Die Versorgung dieses Traktes war durch einen gemauerten Verbindungsbau gewährleistet, dem man im Obergeschoß eine hölzerne Altane vorgebaut hatte. Laut Plan umlief so eine geschlossene Altane die gesamte Rückseite der Spitalkirche und des Spitalgebäudes, setzte sich in westlicher Richtung zum Rückgebäude an der hohen Mauer fort und war im Erdgeschoß über eine Treppe, im Obergeschoß durch eine Türe an der Rückwand des Spitals erreichbar.

 

Ein weiterer, nicht datierter, wohl zum Zeitpunkt der Spitalsanierung von 1823/24 entstandener Bauplan, sah einen dreigeschossigen Neubau des Rückgebäudes vor, der jedoch nicht zur Ausführung kam. 1835 und 1836 ist in den Rechnungsbüchern des Spitals von einem errichteten „Neugebäude“ oder „hinteren Neugebäude“ mit drei Krankenzimmern die Rede, für das von Gerichtsmaurermeister Anton Wagner Kosten abrechnet worden sind. In seiner Handwerkerrechnung listete er folgende Kosten auf: „…im Waschhaus den Bockstuhl (?) eingericht, die Bögen gemacht, eingericht und das Waschhaus gewölbt“. Matthias Hanecker lieferte zum „Neubau“ des Daches „13 Buschen 650 Pfund 8 Zentner Eisenblech“ (146 Gulden) und der Kupferschmied Alois Daxenberger deckte den „hinteren Teil des Spitals“, also das Rückgebäude, mit Eisenblech ein (74 Gulden). Der Maler Gottfried Seltenhorn hatte dazu das Dach dreimal mit Kupferfarbe (18 Gulden) gestrichen. Zusätzlich wurden noch Kosten für Fußböden und Weißdecken, dann für einen Plattenofen und eine neue Stiege abgerechnet. Das bis dahin bestehende, 1823 im Bauplan noch ersichtliche Gebäude, war also abgebrochen worden. Das nun im Laufe des Jahres 2007 sanierte Gebäude geht somit auf den Neubau von 1836 zurück.

 

Zum ungehinderten Transport der Essensrationen aus der Krankenhausküche für die Spitalinsassen wurde 1858 als Verbindung zwischen dem Rückgebäude sowie dem Krankenhaus an der Oberen Stadt (heute Pannermayr) ein überdachter Gang in hölzerner Ständerbauweise erbaut. Die Küche im Spital wurde daraufhin aufgehoben. Der Verbindungsgang existiert heute lediglich noch als Torso.

 

Nach dem Umzug der Spitalinsassen um 1955 in das ehemalige Krankenhausgebäude an der Oberen Stadt Nr. 8 hatten die bestimmt nicht mehr sehenswerten Verbindungsbauten zwischen Spital und Rückgebäude ausgedient, sie wurden ersatzlos abgebrochen. Das Rückgebäude diente Mitte der 1960er Jahre noch kurzzeitig als Wohnung, stand dann aber bis zur Sanierung 2007 leer. Der desolate Gesamtzustand des Gebäudes, das Dach war undicht und Teile der Umfassungsmauern zeigten starke Rissbildungen, veranlaßte die Stadt Vilsbiburg zur Sanierung des Komplexes. Dabei konnte der vom Denkmalschutz geforderte Bestand des überwölbten Gebäudeteils sowie der Baukörper in seiner bisherigen Gestalt erhalten werden. 

 

Das Rückgebäude wird Depot

Das Thema Depot war für den Heimatverein von je her ein heikles Kapitel, waren doch nicht ausgestellte Objekte an verschiedenen Stellen wie Spitzboden im Museum, im Nachbargebäude Stadtplatz 39, dann im altem Bauhof an der Seyboldsdorfer Straße und im Stadtturm deponiert. Besonders nachteilig wirkte sich dies bei Vorbereitungsarbeiten zu Sonderausstellungen aus, von denen das Museum in den letzten 32 Jahren allein 35 an der Zahl veranstaltete. Dankenswerterweise hat nun die Stadt Vilsbiburg das Rückgebäude nach der Sanierung dem Heimatverein zur Verfügung gestellt und damit die Depotverhältnisse für das Museum nachhaltig verbessert. Im Lauf der nächsten Zeit wird nun das Depot, soweit es die durch die neuen Wandputzflächen verursachte, noch etwas zu hohe Luftfeuchtigkeit zulässt, nach und nach mit ausgelagerten Objekten bestückt. Die mit einer Alarmanlage gesicherten Räume werden künftig aber auch als Arbeitsräume für die Eingangsbearbeitung (Reinigung, Restaurierung) und Inventarisierung sowie fotografischer Erfassung intensiv genutzt. Besonders attraktiv und als Herzstück des Depots gestaltet sich der überwölbte Raum im Erdgeschoß.   
Lambert Grasmann                                                            

Den Handscherm war beim Uiderl bis zuletzt griffbereit
Die Geschichte der Familie Zettl in Bödldorf steht für die letzte Phase der Kröninger Hafnerkeramik.
Das Vilsbiburger Heimatmuseum – Kröninger Hafnermuseum – besitzt die größte Sammlung  Kröninger Hafnerkeramik, deren Grundstock bereits Bartholomäus Spirkner, Pfarrer in Kirchberg (1908-1919) mit einer Schenkung im Jahr 1915 legte. Zum Bestand zählen heute nicht nur die qualitätvollen, in ihren Formen wohl proportionierten und farbenfreudigen Gebrauchsgeschirre und Sonderformen, sondern auch technische Keramik, Ofenkacheln, Model, Arbeitsgeräte und Fotos. Der Kröning, einst das größte Hafnerzentrum Bayerns, ist bei Volkskundlern, Sammlern und Museumsleuten durch zahlreiche Veröffentlichungen längst in das Gesichtsfeld der Öffentlichkeit getreten. Eine Initialzündung dazu erbrachte die 1968 im Bayerischen Nationalmuseum in München veranstaltete Sonderausstellung „Hafnergeschirr aus Altbayern“ und in der Folge davon die im Vilsbiburger Heimatmuseum 1977 eröffnete Sonderschau „Kröninger Hafnerware“. Gerade zur letzt genannten Ausstellung in Vilsbiburg hat Museumsleiter Lambert Grasmann noch viele Informationen von noch lebenden Hafnern abrufen, ja sogar auf Tonband festhalten und in das heute als Standardwerk zum Kröning verfasste Buch „Kröninger Hafnerei“ einfließen lassen können. Damit sind viele Einzelheiten, wie Geschirrbezeichnungen, Details aus der Arbeitswelt, dem Vertrieb der Ware und aus dem Alltag akustisch auf unsere Zeit gekommen. Befragt werden konnten noch Lorenz Westenthanner aus Pattendorf und Alois Kaspar aus Onersdorf. Hauptinformanten jedoch waren die Brüder Benno (1900-1980) und Georg Zettl (1905-1990) aus Bödldorf, wobei Benno bereits mit 16 Jahren aus dem Berufsleben ausschied. Der Grund lag darin, dass der bis dahin die Landwirtschaft besorgende Onkel Michael Zettl nicht mehr zur Verfügung stand. Kommentar der Brüder Zettl: „Der Vater verstand nichts von der Landwirtschaft“. Georg Zettl arbeitete im Gegensatz zu seinem Bruder noch länger in der elterlichen Hafnerei. Nachdem 1928 der Betrieb auf dem „Uiderl-Anwesen“ eingestellt worden war, fand er nun ausschließlich auf dem elterlichen Hof in der Landwirtschaft Beschäftigung. 1940 wurde er zum Kriegsdienst eingezogen. 1945 aus der Kriegsgefangenschaft entlassen, kehrte er wieder zu seiner früheren Arbeit auf den Hof in Bödldorf zurück.

 

Georg Zettl fühlte sich zeitlebens der Hafnerei verbunden. Das mag auch damit zusammenhängen, dass die Familie Zettl vor dem Zweiten Weltkrieg Kontakte zur Keramischen Fachschule in Landshut pflegte und Schüler und Lehrer (z. B. Eugen Kiechle) die ehemalige Werkstatt besuchten. Noch in den 1960er Jahren hat sich Georg Zettl zu bestimmten Anlässen mit Drehscheibe und Arbeitsgerät vor das Haus begeben, um dort das Drehen einfacher Gefäße vorzuführen. Kleinwerkzeug, wie „Haferldraht“, Schiene, „Wehreisl“ (Abdrehschiene), „Handscherm“ (Topf zum Befeuchten der Hände) hatte er bis zu seinem Tod an einem bestimmten Platz im Haus „griffbereit“ aufbewahrt.

 

Nach dem Tod seines Bruders Benno 1980 war er weiterhin ein geduldiger Informant. Eine Anregung Grasmanns aufnehmend hat er dann, eine eigenhändig geschriebene, sechsseitige Schilderung von Arbeitsabläufen in der elterlichen Hafnerei verfasst. Je ein Exemplar übergab er 1985 in „pädagogischer“ Absicht als „Lehrmittel“ der Schule in Kirchberg und dem Vilsbiburger Heimatmuseum.

 

Mit seinen Geschwistern Benno, Sophie und Therese hat er sporadisch das Vilsbiburger Heimatmuseum mit sowohl in der Hafnerwerkstatt hergestellten Gegenständen, als auch mit Dingen des täglichen Gebrauchs bedacht. Dieser Schenkungspraxis ist es auch dann zu verdanken, dass vom 5. Mai bis 2. Dezember 1990 eine Sonderausstellung über die „Uiderl“-Werkstatt zustande kommen konnte.

 

Als  der „letzte Kröninger Hafner“ starb Georg Zettl in seiner gewohnten Umgebung plötzlich und unerwartet am 28. Januar 1990. Es war ihm nicht mehr gegönnt „seine“ Ausstellung zu erleben.

 

Die Fotografie zeigt die Familie Zettl vor ihrem als Einzeldenkmal in der Bayerischen Denkmalliste geführten Anwesen in Bödldorf Nr. 4, Gde. Kröning, das als Haustyp in die Kategorie „Wohn-/Stadel-/Stallhaus“ eingestuft ist.
Auf der gepflasterten „Gret“, die Ziegelsteine sind stehend senkrecht zur Hauswand ausgerichtet, haben sich die Familienmitglieder dem Fotografen gestellt. Der äußere Anlass dürfte der Weggang vom Elternhaus der Tochter bzw. Schwester Franziska Zettl gewesen sein, die am 26. Mai 1933 nach ihrer Profess als Schwester M. Bennonia in das Kloster St. Maria der Dominikanerinnen in Niederviehbach aufgenommen wurde. Vorne links am Tisch sitzt die aus Großbettenrain gebürtige Mutter Maria Zettl, geb. Schindlbeck (1869-1937), gegenüber der Vater Hafnermeister Benno Zettl II (1859-1946). Stehend von links sind abgelichtet Georg, (1905-1990), Therese (1904-1986), Maria (1899-1974), Franziska (1902-1979), Sophie (1909-1983) und Benno III Zettl (1900-1980). Zum Wohnhaus ist noch zu bemerken, dass das Erdgeschoß des sonst in Holzblockbauweise errichteten Anwesens 1930 eingemauert wurde und die Fenster eine Vergrößerung erfuhren. Im selben Jahr hat man auch den Geschirrbrennofen abgebrochen und in zwei Räume unterteilt, die dann als Nähwerkstatt für Sophie Zettl und als Futterkammer genutzt wurden.
Bödldorf steht in diesem Jahr am 10. September im Mittelpunkt beim Tag des offenen Denkmal. Um 10 und 14 Uhr finden Führungen durch den alten Hafnerort statt.

Lambert Grasmann
Zu einem Videobeitrag des BR vom Januar 2017

Das Handwerk der Fischer in Vilsbiburg an Großer und Kleiner Vils, an der Bina und an Teilen der Rott umfasste ehemals über 100 Mitglieder.
 
Vilsbiburg. Der Abbruch des alten Fischer-Dürr-Hauses am heutigen Mühlenweg markiert in Vilsbiburg das endgültige Ende einer Jahrhunderte alten Fischerfamilien- und Handwerkstradition. Der unbekannte Fotograf hat um das Jahr 1900 gerade noch das bereits im Abbruch begriffene alte Fischeranwesen mit der ehemaligen Hausnummer 185 ablichten können. Laut Häuser- und Rustikal-Steuer-Kataster von 1808 war das Haus aus Ziegeln gemauert, eine Bauweise, die in den Vormärkten nicht selbstverständlich war. Auf dem Anwesen ruhte zu dieser Zeit ein Fischereirecht. Ein weiteres Fischeranwesen mit Fischrecht befand sich im Besitz von Lorenz Brams in Herrnfelden, das dieser um 1908 beseitigt hat. Thomas Hofstetter, Fischer in Mühlen, veräußerte 1904 sein Fischrecht an den Derndlmüller. Nachdem dieser sein Haus abgebrochen hatte, verbrachte er als Privatier seine alten Tage in Vilsbiburg.

 

Das Fischerhandwerk

Dass auch die Fischer wie Schreiner, Bäcker, Metzger usw. einstmals in einem eigenen „zünftigen“ Handwerk organisiert waren, wo sie nach der Handwerksordnung alljährlich ihren Jahrtag mit Kirchgang und Versammlung zu absolvieren hatten, ist verhältnismäßig unbekannt. Waren sie doch im ehemaligen Landgerichtsbezirk Vilsbiburg weit verstreut an den Flussläufen der Großen und Kleinen Vils, an der Bina und an der oberen Rott bis um Gangkofen ansässig. Handwerksordnungen der Fischer haben sich im Heimatmuseum aus den Jahren 1482, 1554, 1584 und 1738 erhalten. Aussteller der Urkunden waren jeweils die bayerischen Herzöge bzw. Kurfürsten. Im 18. Jahrhundert befanden sich im Vilsbiburger Handwerk der Fischer über 100 Mitglieder verzeichnet. Nach Auflösung der Zünfte 1868 betrieben noch immer 69 Fischer im Bezirksamt das Handwerk, dessen Organisation dann in einen Verein überging.

 

Die Fischerfamilie Dürr

Der erste auf dem Besitz am Mühlenweg nachweisbare Fischer aus der Familie der Dürr ist Peter „Thier“, der 1662 in Vilsbiburg das Bürgerrecht verliehen bekam. Gleichzeitig, so ein Vermerk im Ratsprotokoll der Marktgemeinde Vilsbiburg, erhielt er von einem „Herrn von Seyboldsdorf das Fischwasser gestiftet“, er konnte es pachten. Ihm folgte sein Sohn Gregor nach, den man 1679  als Bürger aufnahm. Die letzten aus der Fischer-Dynastie der Dürr waren Honorat († 1882) und Michael Dürr († 1896). Deren ledig gebliebenen Schwestern Maria und Monika verkauften das Haus 1897 und bezogen an der Veldener Straße ein neues Heim. Neuer Besitzer wurde Mühlenbesitzer Xaver Balk, der das Fischeranwesen um 1900 abbrach.

 

Das Fischerhaus am Mühlenweg

Der ehemalige Mesner Franz Xaver Schermer beschreibt als ehemaliger Nachbar der Dürrs in seinen Erinnerungen das Fischeranwesen und schildert detailliert auch die Wohnverhältnisse. Die Haustüre, so Schermer, besaß kein Schloss. Innen war eine hölzerne Klappe, eine so genannte Falle, die man von außen mit einem Schnürl in die Höhe ziehen konnte. Wollte man unter Tags fortgehen und die Türe schließen, so durfte man das Schnürl nur hinein ziehen. Bei der Rückkehr konnte man oben durch eine handbreite Öffnung innen hinunter greifen und die Klappe heben. Zur Nachtzeit wurde die Türe innen mit einem Holzprügel versperrt. Die geräumige Stube war mit Lehm beworfen, wobei im Winter das Wasser von den Wänden lief und sich den Weg über den Stubenboden nach außen suchte. Sie war so niedrig, dass, wie die Dürr-Schwestern erzählten, die 1813 einquartierten hoch gewachsenen Russen darin nicht aufrecht stehen konnten.

 

An die Stube reihte sich die Küche. „Mein Gott“, so vermerkt Schermer weiter, „was war das für eine Küche!“ Ein ganz finsteres Loch mit einem winzigkleinen Fensterchen, so dass nie eine Sonnenstrahl in die Küche geleuchtet hat. Der Herd war ein mit Ziegelsteinen aufgebauter, mit Erde ausgefüllter und mit einer Ziegelplatte abgedeckter Sockel. Darauf brannte das offene Feuer, dessen Rauch durch einen offenen Kamin abzog. Die Kochtöpfe stellte man um das Feuer, zum Braten wurde eine Pfanne auf einem eisernen Gestell, dem Dreifuß, abgesetzt. Wegen der Finsternis in der Küche habe man kaum die Kücheneinrichtung und die Köchin nur bei angefachtem Herdfeuer gesehen. Im Erdgeschoß befand sich auch die Schlafkammer der beiden Brüder, mit einem kleinen Fenster so nahe am nächsten Haus, dass nie ein Sonnenstrahl eindringen konnte. Der Boden war mit einem Steinpflaster ausgelegt, auf dem auch Fischereigeräte wie Netze, Stangen und anderes lagerten. Das Obergeschoß beherbergte ein „hübsches“ helles Dachstübchen, „die Obere Stube“ und unmittelbar daneben hatte man das Heu mit dem Futterstroh für die Kühe untergebracht.

 

Der Fischerjahrtag

Die Jahrtage der Handwerke, zu denen die Viermeister, auch Obermeister, die Einladungen an die Mitglieder aussprachen, fanden in der so genannten Herberge in einer der vielen Gastwirtschaften Vilsbiburgs statt. Vor den versammelten Zunftmitgliedern wurde die Handwerkslade aufgeschlossen, „vor offener Lade“ begann ein förmlicher Hoheitsakt. Nach dem Verlesen des Jahresprotokolls wurden neue Lehrlinge ins Handwerk aufgenommen, die Gesellen freigesprochen und die Jungmeister nach abgelegter Meisterprüfung verpflichtet. Wichtiger Bestandteil der Zusammenkunft war das Einkassieren der Mitgliedsbeiträge, dem „Handwerksschilling“ sowie das Aussprechen von Handwerksstrafen. Der Kirchgang mit anschließendem Mahl war obligatorisch.

 

Schermer beschreibt den Ablauf des alljährlich von den Dürr-Geschwistern besuchten Vilsbiburger Fischerjahrtags. Danach sei es sehr nobel her gegangen. Mit den besten Kleidern angetan begab man sich vormittags „unter Musikschall“ zur Kirche, um sich danach zum Festmahl in die Brauerei Winkler (heute Gebäude der Sparkasse) zu begeben. Hernach zogen sie mit der Festgesellschaft und mit Musikbegleitung zum so genannten Winklerkeller an der Bergstraße zum Tanz. Maria Dürr verteilte inzwischen zu Hause unentgeltlich „gesottene Krebse“.

 

Mit dem Tod der letzten Dürr-Schwester Monika am 8. Mai 1906 war das letzte Mitglied aus der Fischer-Dynastie ohne Nachkommen gestorben. Nachdem auch das Fischeranwesen der Spitzhacke zum Opfer gefallen war, verblassten schnell die Erinnerungen an diese einst so bekannte und geschätzte Familie.
 

Milde war der Grundsatz seines Wesens

Zum Todestag von Pater Dr. Viktrizius Weiß am 8. Oktober
„Kann denn ein Niederbayer ein Heiliger werden?“ fragt Thomas Jechtl in einem Bericht im Straubinger Kalender vom Jahr 1995. Und dann fügt er auch gleich hinzu: „Der in Heiligkeit gestorbene Pater Viktrizius war von 1908 bis zu seinem Tod 1924 im Kapuzinerkloster Vilsbiburg“.

 

Ein Senfkorn? Dieses ist eines von den kleinsten aller Sämereien. So klein und unansehnlich das Senfkörnlein ist, so klein und unscheinbar gab sich der im Kapuzinerkloster Vilsbiburg in Heiligkeit verstorbene Pater Viktrizius Weiß. Aus dem Senfkorn ist ein mächtiger Baum geworden. Aus dem schüchternen Stundenten Anton Weiß wurde der Präfekt und Dozent im erzbischöflichen Priesterseminar in Freising, ein Prediger in der Freisinger Domkirche, ein Doktor der Theologie, ein Pater Viktrizius und Provinzial der Bayerischen Kapuziner.

 

Von der gesundheitlichen Natur seines mit 79 Jahren im Jahr 1889 in Landshut verstorbenen Vaters, dem Chirurgen und Wundarzt Anton Weiß, hatte sein Sohn, der Kapuzinerpater und Doktor der Theologie Pater Viktrizius nicht viel mitbekommen. Anton Nikolaus, so war sein Name vor seiner Einkleidung in Burghausen im August 1875; dann bekam er den Habit der Kapuziner und auch den Namen Viktrizius – der Siegreiche.

Mit 66 Jahren zog er sich vor fast genau 100 Jahren, im August 1908 in das Kapuzinerkloster auf den Maria Hilf-Berg bei Vilsbiburg zurück und hier verbrachte er noch 16 Lebens- und Ordensjahre. Unter seiner Provinzialleitung wurde das damals verwaiste Kloster Vilsbiburg im Jahr 1886 von den Kapuzinern übernommen. Das Kloster auf dem Maria Hilf-Berg unmittelbar an der Straße, auf dem Weg von seiner Geburtsstadt Eggenfelden zur Stadt Landshut, wo seine Familie im Jahr 1854 sich sesshaft gemacht hatte und er seine achtjährige Gymnasialzeit verbrachte. Der Gesündeste war Pater Viktrizius nie, eine Kurzatmigkeit begleitete ihn zeitlebens, was im Alter dann zu starken Hustenanfällen führte. Dennoch konnte Viktrizius das stattliche Alter von 82 Jahren erreichen.

Pater Ingbert Naab schreibt sechs Jahre nach seinem Tod im Jahr 1930 in seiner erstellten Biographie über P. Viktrizius: Viktrizius war demütig, freundlich, heiter, teilnehmend, gütig im vollkommenster Gnad; er besaß auch Humor, Lächeln, Gemeinschaftsgeist, Herablassung. Ebenso gewiss ist auch dies: er konnte nur Spaß verstehen, aber nicht Spaß machen, er konnte nicht herzhaft auflachen, nicht necken, er konnte nicht stürmisch begrüßen, nicht die Hände drücken und schütteln, er konnte nichts eilig nehmen, er konnte nicht laut rufen und bewegt gestikulieren. Das alles war es, was den Verkehr mit ihm eigenartig gestaltet hat. Und doch fühlte man sich zu ihm so außerordentlich hingezogen, nicht im gewöhnlichen gesellschaftlichen Sinn, wie man sich mit irgendeinem Bekannten gut unterhält, sondern in Verehrung und kindlichem Vertrauen. Er strahlte Vertrauen aus und gab das Gefühl von sich: mit dem Mann möchte ich über alles sprechen können, was meine Seele berührt.

Im August 1908 legte P. Viktrizius nach Ablauf seiner letzten dreijährigen Amtszeit das Bayerische Kapuziner-Provinzialat endgültig nieder. Er zählte jetzt 66 Jahre. Von zunehmender Kränklichkeit gezeichnet, zieht er sich in das Kapuzinerkloster auf dem Maria-Hilf-Berg in Vilsbiburg zurück. Hier lebte er ein heiliges Leben in Tugend, Gebet und Arbeit, bis ihn der Herr am 8. Oktober 1924 in die Ewigkeit abruft. Viktrizius hatte in den letzten Jahren seines Lebens ein Blasenleiden, Hämorrhoiden, ein Herzleiden das ihm öfters das Blut gegen den Kopf trieb, mehrere Lungenentzündungen, hatte Wunden an den Füßen, von den Fersen bis zum Schienbein. Ein durch Reizung der Bronchien bewirkter Husten war so stark, dass Erstickungsanfälle eintraten. Zuletzt war der ganze Körper mit Geschwüren bedeckt, die nacheinander aufbrachen und sich neu bildeten. Wegen peinlicher Störung der Mitbrüder musste er schließlich die Kommunität meiden. Außerdem war er in den letzten acht bis zehn Jahren fast erblindet und recht schwerhörig. So lange seine körperlichen Kräfte ausreichten, machte er die ganze Ordnung mit im Chor, im Refektorium und in der Erholung – einer klösterlichen Unterhaltung. Je stärker er jedoch an Schwerhörigkeit litt, desto weniger konnte er daran teilnehmen. Aber um der Gemeinschaft willen wollte er nie fern bleiben.

In seiner Zelle wollte er nichts Überflüssiges haben, hielt sie jederzeit sauber, alle Gegenstände standen an ihrem Platz, das Pult war aufgeräumt und die Bücher an ihrem Ort. Sein Habit war arm und abgetragen, aber immer reinlich. Nach altem Ordensbrauch unterließ er es nicht, für jede Kleinigkeit die ihm gegeben wurde, den Segen des Herrn zu erbitten. Auch die Armut im persönlichen Gebrauch hielt er ungemein hoch. Beim Essen genoss er nur das Notwendigste. Später konnte er vieles nicht mehr vertragen und nahm in der Regel etwas Brei oder eine Art Mus zu sich.

Er stand mit den übrigen Mitbrüdern in der Früh um viertel vor fünf Uhr auf und bereitete sich zur hl. Messe vor. Auch als Greis von 80 Jahren pflegte er regelmäßig um halb sechs Uhr zu zelebrieren, und zwar im Chor beim Hochaltar der Maria Hilf-Kirche. Nach der Messe machte er seine Danksagung, wobei er allen hl. Messen beiwohnte bis um acht Uhr, sofern er nicht durch den Beichtstuhl in Anspruch genommen war. Dann nahm er sein Frühstück und begab sich später zur Anhörung der täglichen neun Uhr Messe. Von der Zeit an, als er das Augenlicht verloren hatte, erbat er sich um zehn Uhr aus den Reihen der Patres einen Vorleser. Er ließ sich den Betrachtungsstoff für den kommenden Tag vorlesen, ebenso etwas aus dem Leben der Heiligen. Nachmittags pflegte er regelmäßig in die Kapuziner-Hauskapelle zu gehen und dort seinen gewohnten täglichen Kreuzweg mit innigster Andacht zu beten. Er pflegte dabei von Station zu Station zu gehen, obwohl ihn in seinen letzten Monaten kaum die Füße mehr trugen. Am Spätnachmittag ließ er sich regelmäßig etwas über das göttliche Herz Jesu vorlesen. Als sein Gehör immer schlechter wurde, merkte er nicht mehr, dass er die Gebete unablässig halblaut vor sich hin sprach. Im Refektorium, auf den Gängen des Hauses, auf den Stiegen überall betete er unablässig. Es war ergreifend, wie der alte Pater nach der hl. Messe lange Zeit unbeweglich, das Taschentuch vor das Gesicht haltend, im Chor kniend, halb sitzend verbrachte. Die Tränen, welche die Bank befeuchtet hatten, sagten genug darüber aus, mit welcher inneren Ergriffenheit Viktrizius mit seinem Heiland verhandelt hatte.

Wir dürfen wohl annehmen, dass Pater Viktrizius die höheren Gebetsgnaden hatte, die mystische Vereinigung mit Gott. Vier Tage vor seinem Tod, am Franziskustag, führte ihn sein Weg nachmittags noch einmal in die Hauskapelle, wo er die Wand entlang tastend den Kreuzweg betete.

 

Der selige Heimgang

Die Zeit war gekommen, wo der von schwersten Leiden gemarterte Leib seinen Dienst versagen musste. Ende Juli oder August 1924 hielt man das Ende des von Schmerzen verzehrten Mannes für nahe. Es war ihm sehr schmerzlich, dass er mit Rücksicht auf seine Armseligkeit gegen die Kapuzinersitte den Habit ablegen musste. Aber sein Befinden besserte sich, und alsbald ging er wieder in den Chor und in die Hauskapelle. Mit Aufgebot aller Kräfte las er noch die hl. Messe bis zum 3. Oktober 1924. Es war ein Herz-Jesu-Freitag. Der Krankenbruder Hermas verständigte den Hausoberen, dass die Kräfte des P. Viktrizius vollständig zu Ende seien. Infolge verbot ihm der Hausarzt Messen zu zelebrieren, was sicher aber schon so unmöglich gegangen wäre. Trotzdem schleppte sich der schwerkranke Mann am Nachmittag des Franziskustages, am 4. Oktober, noch einmal verstohlen in die Hauskapelle, um dort zum letzten Mal den Kreuzweg zu beten. Am Samstag, Sonntag und Montag ließ er sich vom Krankenbruder in die Hauskapelle führen, um dort mit ergreifender Andacht zu kommunizieren. Gar gerne hätte er am Sonntag der hl. Messe beigewohnt, aber der Krankenbruder fürchtete, er würde zusammenbrechen. Da er es dennoch versucht hätte zur Messe zu gehen, sperrte Bruder Hermas die Zellentüre ab. Als der Krankenbruder von der Kirche zurückgekommen war, sagte Viktrizius vorwurfsvoll, aber lächelnd zu ihm: „Gell du hast mich eingesperrt.“ Es scheint, dass er es doch versucht hatte, die Türe zu öffnen, um der Messe noch beiwohnen zu können.

Am Dienstagmorgen den 7. Oktober meldeten sich die Anzeichen des nahen Todes. Die Sinne schwanden, die Zunge versagte ihren Dienst; er wollte immer noch etwas reden, aber man verstand ihn nicht mehr. Der Krankenwärter Bruder Hermas benetzte wiederholt seine Zunge mit Wein; dankbar drückte er ihm dafür die Hand. Von Mittag an, lag er ganz ruhig da. Die Nacht von Dienstag auf Mittwoch röchelte er. Am Mittwochnachmittag war in der Kirche der gewöhnliche Rosenkranz. Danach stimmten die Patres im Chor der Wallfahrtskirche Lobgesänge an. Gerade als von den Mitbrüdern das Benediktus angestimmt wurde, begann P. Viktrizius zu sterben. Bei den letzten Worten dieses Lobgesanges – „zu leiten unsere Schritte auf den Weg des Friedens“ – war er selber in den Frieden Gottes eingetreten und hatte seine Seele in die Hände des Schöpfers zurückgegeben. Es war am Mittwoch den 8. Oktober 1924 gegen 18 Uhr abends.

Nach altem Ordensbrauch wurde der Leichnam von den Brüdern gewaschen und angekleidet. Am anderen Tag wurde der Leichnam im Sprechzimmer bei der Klosterpforte, wo er so viele geistliche Beicht gehört und so viele Seelen getröstet hatte, aufgebahrt. Viele Leute kamen, um seinen Leichnam zu sehen, und berührten daran ihre Rosenkränze. Benefiziat Obermeier berichtet über den Anblick der Leiche: „Unvergesslich bleibt mir der Moment, als ich an den Leichnam herantrat. Anstatt das herkömmliche und mir längst bekannte Zerstörungswerk des Todes zu schauen, leuchtete mir ein ganz verklärter Leichnam entgegen. Mein Auge war entzückt ob der Schönheit des Toten, und sofort war mir klar: für die abgeschiedene Seele zu beten, ist hier ganz nutzlos. Von diesem Gedanken konnte ich mich bis auf den heutigen Tag nicht mehr befreien.“

Auch dem Kapuzinerpater Ingbert Naab, welcher sechs Jahre nach dem Tod von P. Viktrizius im Jahr 1930 „Ein Lebensbild“ von Pater Viktrizius Weiß geschrieben hatte, und von Passau zum Begräbnis nach Vilsbiburg gekommen war, erging es eben so, als er die Leiche des von ihm Hochverehrten Exprovinzials ansichtig wurde: „Eine Schönheit lag über dem Gesicht des Toten ausgegossen, welche sie Pater Viktrizius im Leben nie gehabt hat.“ Sie ergriff ihn in der tiefsten Seele.

 

Seine Exzellenz der Regensburger Diözesanbischof Dr. Anton von Henle gab nach der Beerdigung beredend zum Ausdruck: „(…) Es war sein letzter Herzenswunsch, seine letzten Lebenstage in Vilsbiburg zu verbringen. Der liebe Gott hat ihm diese Gnade gewährt, und er wird schon aus Dankbarkeit ein beständiger Fürbitter sein für die Pfarrei Vilsbiburg. Ich wünsche nur noch das eine: Sorgen sie, dass das Andenken dieses heiligmäßigen Mannes nicht verwischt werde im Andenken des Volkes!“
Peter Käser

Die Odyssee des Vilsbiburgers Franz Wurm in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs
Der Realschullehrer Konrad Fischer hat in der kürzlich neu erschienenen „Vilsbiburger Museumsschrift Nr.10", der Begleitbroschüre zur heurigen Sonderausstellung im Vilsbiburger Heimatmuseum („Das kriegerische 20. Jahrhundert: Von der ersten deutschen Republik 1918 über die Diktatur zum Neubeginn 1948…") unter anderem der Jugend im Dritten Reich einen kurzen Abschnitt gewidmet. Unter der Überschrift „Die Jugend mit einbinden" schreibt er: „Um einen bleibenden Erfolg des NS-Staates zu sichern, musste sich Hitler in erster Linie an die Jugend als der Trägerin des künftigen Staates wenden. Dabei nutzte er die jugendliche Begeisterungsfähigkeit bedenkenlos aus, indem er den Sport zum Beispiel in den Dienst der vormilitärischen Ausbildung stellte und mit dein Nationalstolz zugleich Hass gegen fremde Völker und Rassen weckte; ebenso entwertete er Kameradschaft und Gefolgstreue zu blindem Gehorsam nach der Parole ‚Führer befiehl, wir folgen Dir!‘
NS-Organisationen banden Ju­gendliche an das Regime: mit zehn Jahren über das Deutsche Jungvolk/ Jungmädel, mit 14 Jahren über die Hitlerjugend (HJ) und den Bund Deutscher Mädel (BDM). Für Männer ab 18 Jahren gab es ein Jahr Reichsarbeitsdienst (RAD), danach zwei Jahre Wehrdienst."
Auch der Vilsbiburger Franz Wurm (geboren 1925) durchlief in seiner Jugend diese Stationen. Nachdem er in seiner Heimat keine Lehrstelle bekommen konnte, verschlug es ihn nach Posen im heuti­gen Polen, wo er den Beruf des Werkzeugmachers erlernte. Von dort aus hatte man ihn im Alter von 18 Jahren zum Reichsarbeitsdienst (RAD) eingezogen und einer Flugab­wehreinheit (Flak) zugeteilt. 1945 befand sich Wurm als Geschützführer einer Flak-Geschützes (10,5 Zentimeter) bei einer der drei ortsfesten Großbatterien mit je vier Geschützen in der Nähe des Flugplatzes Aspern bei Wien. Am 12. April, so schreibt er in seinen Erin^ nerungen, war er einem Spähtrupp zugeteilt, um die Nähe der anrückenden russischen Truppen zu erkunden. Nach der Feststellung, dass diese nur mehr einige 100 Meter von ihrer Stellung entfernt waren, trat der Trupp eiligst den Rückzug an. Bei den Rückwärtsbewegungen schoss ein russischer Scharfschütze Franz Wurm durch den Stahlhelm in den Hinterkopf. Bewusstlos geworden, schleppten ihn seine Kameraden zur Flakstellung zurück; von hier aus überstellte man ihn mit dem Sanka zum nahe gelegenen Verbandsplatz Breitenlee.
Am Tag darauf wurde er in einem Lazarettzug in einer dreitägigen Fahrt      nach Karlsbad transportiert, wo in mehreren Zügen bereits über 3000 Verwundete ihres Schicksals harrten. In einem mit Stroh ausgelegten, an einen Personenzug angehängten Viehwaggon geschah die Überführung mit 16 Schwerverletzten zunächst nach Prag, um dort notwendige Operationen durchzuführen. Doch die Fahrt mit den Schwerverletzten ging weiter, wo man am Tag darauf, dem 17 April, in einer als Reserve-Lazarett umfunktionierten Turnhalle in Tabor landete.
Das im Besitz von Franz Wurm befindliche, am 17. April angelegte vierseitige Krankenblatt berichtet am 29. April, dass mit einer Pinzette der Mantel eines russischen Infante­riegeschosses aus seiner Kopfwunde entfernt wurde. Das mit deutscher Gründlichkeit bis zum 18. Mai von deutschen Ärzten und Sanitätsper–sonal geführte Krankenblatt nennt alle Versorgungsleistungen und medikamentösen Behandlungen, die an Franz Wurm, durchgeführt wurden. Nachdem der Geschossmantel entfernt worden war, verschlimmerte sich der Zustand Wurms zusehends, worauf man am 7. Mai eine Röntgenaufnahme (auch diese ist im Besitz Wurms) veranlasste, Tags darauf ging es mit einer Luftwaffeneinheit, die Russen waren im An­marsch, gegen Westen, wo die Einheit bei Strakonice in amerikanische Gefangenschaft geriet. Da keine Abtransportmöglichkeit bestand, wurde am 16. Mai, also erst 34 Tage nach der Verwundung, eine Notoperation auf freiem Feld durchgeführt, wobei die auf einer Röntgenaufnahme sichtbaren Knochen- und Metall­splitter sowie ein Hirnabszess entfernt wurden.
Die Dramatik dieses Eingriffs hat der deutsche Arzt in 37 Schreibmaschinenzeilen auf dem Krankenblatt dokumentiert. Am Tag darauf waren die Amerikaner jedoch „verschwunden", man war den Russen ausgeliefert. Mit drei weiteren Schwerverwundeten in einen Sanka verfrachtet, versuchte dieser am 18. Mai Richtung Westen zu fahren, wurde jedoch von einem russischen Offizier gestoppt. Nach dessen Fahrzeugkontrolle ließ er den Sanka umdrehen, begleitete diesen jedoch selber bis zu dem in der „Benesch-Schule" in Pisek untergebrachten Reserve-Lazarett.
Hier kam es zu einem Zusammentreffen mit dem Offizier und früheren Redakteur beim Vilsbiburger Anzeiger, Anton Feistle, der sich dann besonders um Franz Wurm sorgte und ihn zum Beispiel mit Sonderrationen Brot bedachte. Übrigens wurde Feistle nach Rückkehr aus der Gefangen­schaft zum ersten, von der amerikanischen Besatzungsmacht eingesetzten Bürgermeister Vilsbiburgs ernannt.
Nachdem das Lazarett in der „Benesch-Schule" in Pisek geräumt werden musste, wurden die Verwundeten, darunter Franz Wurm, am 15.Juni in die Krankensarnmelstelle nach Pilsen verlegt und von dort in das amerikanische Gefangenenlager „Wiesengrund" überstellt. Am 13. Juli schlug die Stunde der Freiheit. Nach einer Entlausungsaktion wurde Franz Wurm der Entlassungsschein ausgestellt. Die letzten Stationen waren eine Fahrt mit einem amerikanischen Lkw bis Regensburg, die Weiterfahrt mit dem Güterzug nach Plattling – die direkte Strecke nach Landshut war unpassierbar – und die Fahrt auf dem Tender einer Lokomotive von Plattling bis kurz vor Landshut. Der dortige Bahnhof war total zerstört. Vom Hofberg in Landshut aus konnte er mit dem von Herrn Thoma aus Gei-senhausen gesteuerten Bus nach Vilsbiburg fahren In der Frauensattlinger Straße, beim Anwesen Schandl, traf er seine Mutter. Sie war auf dem Weg zur Bergkirche. Es war der 13. Juli – Fatimatag. Feistle war einen Tag früher in Vilsbiburg eingetroffen.
Doch die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Im Oktober 1945 besuchten die Kameraden von Franz Wurrn, Karl Kellner und Willy Matousek, die ehemalige Flak-Stellung in Breitenlee, ,wo die vier Geschütze am 13. April 1945 gesprengt worden waren. Unter den Trümmern mit Gasmasken, Brotbeutel etc. fanden sie einen Stahlhelm mit Einschussloch, den sie dem „Langen", so der Spitzname Wurms, zuordnen konnten. Doch erst 1955, also zehn Jahre später, konnte dieser am 15. Mai in Wien den mit seinem Namen bezeichneten Helm von seinen Kame­raden in Empfang nehmen. Der Stahlhelm hatte ihm das Leben gerettet. Er befindet sich zur Zeit mit-weiteren Dokumenten wie Krankenblatt, Verschubpapieren, Erken­nungsmarke und Entlassungsschein in der Sonderausstellung im Vilsbiburger Heimatmuseum.
Lambert Grasman
 
Veröffentlicht am Samstag, den 5. Juli 2008 in der Vilsbiburger Zeitung
 

Grabtafel des Leonhard Wagenhaymer, an der Außenwand von Sankt Jodok in Landshut.
 
Eine Grabmalinschrift an der Außenmauer der Landshuter Pfarrkirche Sankt Jodok nennt einen Vilsbiburger Geistlichen, welcher hier seine letzte Ruhestätte gefunden hat. Es ist der Vilsbiburger Kaplan Leonhard Wagenhaymer.

Eine eigene Grabstätte innerhalb des Gotteshauses, bzw. vor oder in der Nähe eines Altares entsprach der Erlösungssehnsucht der Menschen. Insbesonders die Geistlichkeit, der Adel und betuchte Bürger konnten es sich leisten eine heilige Messe mit einem eigenen Geistlichen und einen dazugehörigen Altar zu stiften. Vor diesem Altar wollten sie auch bestattet werden. Dann war es üblich, die Verstorbenen in Schrift und Bild im Stein zu verewigen.

 In den „Kunstdenkmäler der Stadt Landshut“, sind die Grabdenkmäler der Pfarrkirche Sankt Jodok beschrieben und nennen auf Seite 132 an der Außenwand, mit der Nummer 18 ein Grabmal mit der Inschrift: „Anno dni milesimo cccc lxxxi // obyt dns leonhardus wagenhaymer capplanus altaris sti michahelis In vilspiburgk cuius aia regescat In pace“. In der Übersetzung lautet der Text: „Im Jahre des Herrn 1481 starb Herr Leonhard Wagenhaymer, Kaplan auf dem Altar des Sankt Michael in Vilsbiburg, er soll hier ruhen in Frieden“. Die Grabplatte hat die Größe vom 0,75 m x 0,75 m und ist an der südlichen Außenmauer, links neben dem Portal angebracht. Das Begräbnis bei der Sankt Jodokkirche in Landshut hat Wagenhaymer sicherlich dem geborenen Vilsbiburger Geistlichen Caspar Westendorfer zu verdanken, der Pfarrer von Sankt Jodok war, gestorben um 1480 als letzter Spross der Vilsbiburger Westendorfer-Familienlinie.

Der derzeit früheste Hinweis auf die Vilsbiburger Messe auf dem Altar des Sankt Michael geht aus dieser Grabstein-Inschrift vom Jahr 1481 hervor. Der auf dem Stein genannte Geistliche war Kaplan am Michaelialtar, welcher sich nicht in der Vilsbiburger Pfarrkirche befand sondern in der Spitalkirche neben dem Stadttor. Der Altar stand auf der Orgelempore als so genannter „Poraltar“. Praktisch angelegt war die Michaelimesse auf der Orgelempore, da die Spitalinsassen vom ersten Stock aus die Messe besuchen konnten. Die Vilsbiburger Bürgermeistersgattin Dorothea Westendorfer, Mutter des Pfarrers von Sankt Jodok, Caspar Westendorfer, hat am 1. April 1456 eine Johannesmesse in die Vilsbiburger Pfarrkirche und eine Georgsmesse in die Spitalkirche gestiftet. Denkbar wäre, dass ihr Sohn Caspar, der in die Landshuter Jodokkirche zwei Messen stiftete und 1476 das Vilsbiburger Heilig Geist-Spital errichtete, auch die Michaelimesse in die Vilsbiburger Spitalkirche dotiert hat. Nachdem Leonhard Wagenhaymer Kaplan dieser Messe war, dürfte es die Verpflichtung von Westendorfer gewesen sein, „seinem“ Kaplan in der Kirche Sankt Jodok eine letzte Ruhestätte gegeben zu haben.

 

Im Bischöflichen Zentralarchiv Regensburg befinden sich die Präsentationsurkunden der Vilsbiburger Benefiziaten. Hier wird am 19. Mai 1483 der verstorbene Leonhard Wagenhaymer genannt. Er war Kaplan der Michaelimesse in der Spitalkirche, aber auch der Maria Magdalenen und Laurentiusmesse in der Vilsbiburger Pfarrkirche. Wagenhaymer ist auch Kaplan auf der von Ulrich Rogler am 4. Juli 1435 in die PfarrkircheVilsbiburg gestifteten Jakobusmesse, welche auf dem Altar in die Sankt Johannes Kapelle gelesen wurde.[1][2] In einer Vilsbiburger Urkunde vom 25. Januar 1467 benennt Wilhelm Fraunhofer zu Fraunhofen den kirchlichen Zehent, gelegen in der Holzhauser Pfarrei und in Altfraunhofener Gericht, den der Geistliche Ulrich Rogler „selig verstorben“ zur Jakobusmesse in die Pfarrkirche Vilsbiburg vermacht hat. Die dazu verschriebenen Zehent-Güter sind: In Holzhausen die Plaßhube, das Äschwein Gut und die drei Bauernhöfe zu Schnedenhaarbach, namentlich die Eybeckhen Hube, die Grössen- und die Furterhube. Wilhelm Fraunhofer übergibt die Abgabe für die Messe in „Unser Lieben Frauen Gotshaus zu Vilsbiburg“ an die „Ersamen und Weisen Bürger“, die zehn Vilsbiburger Räte „als der ewigen Meß Lehensherrn“, sozusagen als die jetzigen Inhaber der Zehenthöfe und der Messe, nachdem Rogler gestorben war. Als Kaplan der Jakobusmesse wird der geistliche Herr Leonhard Wagenhaymer übernommen. „Es soll der vorgenannte Kaplan beim Jahrtag von Herrn Ulrich Rogler diesem Gedenken, und auch ein ewiges Gedächtnis haben für den vorbenannten Wilhelm Fraunhofer.“ Siegler der Urkunde ist der „Strenge und Veste“ Ritter Theseres Fraunhofer zu Fraunhofen. Nun wissen wir, dass 1467 Ulrich Rogler verstorben ist. Die Lehensherren der von ihm gestifteten Jakobusmesse auf dem Johannesaltar der Vilsbiburger Pfarrkirche waren jetzt der Vilsbiburger Rat. Der 1481 in Landshut verstorbene und bei Sankt Jodok begrabene Leonhard Wagenhaymer hatte die Kaplanstelle zu dieser Vilsbiburger Jakobus-Roglermesse.[3] Nachdem Ulrich Rogler verstorben war, übernahm sein Neffe in Sankt Jodok, Pfarrer Caspar Westendorfer (genannt 1409 bis 1480) als erster Kaplan die Vilsbiburger Jakobusmesse und stellte hier den Messkaplan Leonhard Wagenhaymer an. Dies ist nun wiederum interessant, da Rogler (genannt 1401-1467) ein geborener Vilsbiburger war, im geistlichen Stande. Er war Domherr von Mêlnik in Tschechien und oberster Kaplan von Herzog Heinrich dem Reichen auf der Landshuter Burg. Das „Registrum caritativi subsidii, Anno Domini 1438“, einer Aufschreibung des Regensburger Bischofs nennt die Abgaben, die von der Geistlichkeit zu leisten waren. Hier werden Ulrich Rogler mit seinem Kaplan Heinrich und ein weiterer Kaplan auf dem Altar der heiligen Katharina in der Vilsbiburger Spitalkirche genannt.

 

Aus der Stiftungsbeschreibung der Vilsbiburger Westendorfermesse, welche durch die Witwe Dorothea Westendorfer am 1. April 1456 auf den Georgsaltar der Vilsbiburger Spitalkirche und dem Johannesaltar in die Pfarrkirche gestiftet wurde, geht hervor, dass Ulrich Rogler der Bruder der Dorothea Westendorfer ist. Er ist der Onkel des Pfarrers von Sankt Jodok (ca. 1459 bis 1480) Caspar Westendorfer, Magister und Lizentiat, Rat am Hofgericht (ca. 1470 bis 1477) von Herzog Ludwig. Daraus geht wiederum hervor: Wagenhaymer war Kaplan und Benefiziat der Westendorfer- und Roglermessen.[4] Zusammenfassend war er Kaplan der Jakobus-, Johannes-, der Magdalenen- und Laurentiusmesse in der Vilsbiburger Pfarrkirche und der Michaelimesse in der Spitalkirche.

 
Die derzeit letzten Aufzeichnungen zum Kirchherrn von Sankt Jodok, Pfarrer Caspar Westendorfer sind am 9. April 1480.[5] Nur die Verbindung als Kaplan und Benefiziat der Vilsbiburger Rogler- und Westendorfermessen, zum Chorherrn Ulrich Rogler, Kaplan auf der Burg in Landshut und Caspar Westendorfer, Pfarrer von Sankt Jodok, lassen den Schluss zu, dass Wagenhaymer deswegen auch bei der Sankt Jodokkirche seine letzte Ruhestätte finden konnte.[6]

 

Das Grabmal

Die dargestellte Grabplatte in Rotmarmor ausgeführt, ist sicherlich kein abgebrochenes Teil eines früher größeren Grabmales. Hierbei ist die Inschrift zu zentriert und zum Rand hin sehr eng angelegt. Eine Umrahmung fehlt an allen Seiten. Am unteren Ende ist die Schrift bis zur Hälfte beschädigt, jedoch noch lesbar als: „cuius aia regescat In pace“. Nach dem Tode des Leonhard Wagenhaymer wurde die Grabplatte über seinem Grab an der Wand angebracht. Dies lässt der tadellose Zustand der Schrift erkennen; die Oberfläche zeigt keine Schleif- und Abriebspuren, als wäre die Platte auf dem Boden über seinem Grab gelegen. Die seit dem 14. Jahrhundert auftretende gotische Minuskel zeigt zunächst handwerklich präzis gestaltete Buchstaben, deren Eckigkeit unverziert wiedergegeben wird. Um 1500 werden die einzelnen Buchstabenkörper, insbesondere die Majuskeln der Anfangsbuchstaben in ein künstlerisches Programm eingezogen.

 

Zur Vilsbiburger Michaelimesse auf der Orgelempore der Spitalkirche wäre noch zu berichten: Im Jahr 1686 bemängelt der damalige Kaplan in einem Brief an den Bischof, dass er sich während der Messe auf der Empore, immer wieder über die Brüstung legen muß, um sich zu vergewissern, ob die Gläubigen im Kirchenraum der Messe auch folgen können und noch anwesend sind. Dem war vermutlich nicht so, denn es folgte die „Transferierung“ der Michaelimesse von der Empore herunter auf den Barbara Seitenaltar im Kirchenschiff. Aber noch 1782 steht der kleine Michaelialtar auf der Empore neben der Orgel. Im Vilsbiburger Pfarrarchiv befindet sich der Schriftverkehr, wegen dem „alten hölzernen Altärl bei der Orgel auf der Empore“. Da eine größere Orgel aus der Kirche von Herrnfelden kommen soll, müsste der alte Altar auf der Empore abgebaut werden.

Wagenhaymer war der Kaplan der Vilsbiburger Rogler- und Westendorfermessen. Dass er in Landshut Sankt Jodok bei seinem Geldgeber Pfarrer Caspar Westendorfer und der von diesem am 30. Juni 1470 in die Sankt Jodokkirche gestifteten Kaiser Heinrich- und Kunigundenmesse auf dem Corpus-Christialtar, oder auch von Westendorfer am 6. November 1474 gestifteten Aller Heiligen-Altar, seinen vielleicht letzten Seelsorgedienst in Landshut verrichtet hätte, ist eher unwahrscheinlich, da Wagenhaymer zwei Jahre nach seinem Tod im März 1483 als verstorbener Vilsbiburger Benefiziaten gemeldet wird.

Anhand der damaligen vieler Zuwendungen zur Kirche Sankt Jodok, durch Stiftungen von Messen und den dazugehörigen Häusern für die Stiftskapläne bzw. Benefiziaten, kann von einer gläubigen Zeit ausgegangen werden. Auch Herzog Ludwig der Reiche von Landshut hat, als Caspar Westendorfer Pfarrer in Sankt Jodok war, am 27. Juni 1475 auf den Kreuzaltar von Sankt Jodok eine „ewige“ Messe gestiftet[7]. Vielleicht war dies die Segensmesse für die Verhandlungen zur Vermählung seines Sohnes Georg, fünf Monate später am 14. November mit der polnischen Königstochter Hedwig – der Landshuter Fürstenhochzeit.

Peter Käser

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[1] Bischöfliches Zentralarchiv Regensburg, Vilsbiburg, Signatur 18.

[2] Popp, Marianne, Das Registrum caritativi subsidii von 1438 als Geschichtsquelle, in: Beiträge zur Geschichte des Bistums Regensburg, Bd. 30, S. 48. Vilsbiburg: Nr. 899. Nr. 900; 20 Groschen hat Herr Heinrich, Kaplan des Herrn Ulrich Rogler, insgesamt 60 Denare geben.

[3] Archiv des Heimatverein Vilsbiburg (AHV), Schachtel StAV, Nr. 4, Spitalurkunden Hl. Geist. Originalurkunde in Pergament, ohne Siegel.

[4] AHV, Schachtel StAV, Nr. 4 (Spitalurkunden Hl. Geist). Originalurkunde in Pergament ohne Siegel.

> Im Grund- und Saalbuch des Hl. Geist-Spitales von Vilsbiburg vom Jahres 1753 (AHV), Seite 391/3, Kaufbriefe um das Spital eigene Güter, Zehent und Gilten, Nr. 4: um den Zehent von Fraunhofen, Holzhauser Pfarr.

[5] Urkunde im Archiv des Heimatverein Vilsbiburg, Nr. 16, vom 9. IV. 1480: Verkaufsbrief des Bernhard Hueber zu Seyboldsdorf und seiner Hausfrau Franica (Veronika) für Meister Caspar Westendorfer, Kirchherr zu St. Jobst in Landshut und sein neu gestiftetes Spital zu Vilsbiburg.

[6] Käser Peter: Stadtpfarrkirche Mariä Himmelfahrt Vilsbiburg, 2006, S. 77.

[7] Oberbayerisches Archiv für vaterländische Geschichte, Bd.9, S. 425.

 

Erschienen in der Vilsbiburger Zeitung am 11. Juni 2009

Der Gründer der Wallfahrt Maria Hilf

Der Kaminkehrer Donatus Orelli kam aus dem Tessin nach Vilsbiburg

„Wer einer Kirche Urheber ist – der ist des Himmels schon ver´gewißt“. So steht es auf dem Grabstein des 1734 verstorbenen Kirchen- und Wallfahrtstifters, aus der italienischen Schweiz stammenden Donatus Orelli. In einer Auswanderungswelle zu Ende des 17. Jahrhunderts ist Orelli von Locarno über Österreich und dem heutigen Tschechien nach Deutschland und als Kaminkehrer nach Landshut und Vilsbiburg gekommen, wo ihm 1678 die Bürgerrechte verliehen wurden. Die Erinnerungen an die Madonna del Sasso auf dem „Sacro Monte“ bei Locarno ließ Orelli fern der Heimat nach einem geeigneten Ort suchen, – einem „Monte“ bei Vilsbiburg – um hier eine Kapelle für Unsere Liebe Frau – Maria Hilf zu errichten. 1686 war es dann auch schon so weit, um hier im März auf dem „Kalvarienberg“ drei Kreuze zu errichten, und zwei Monate später der erste Stein für eine „Feldkapelle“ gelegt wurde. Ein Jahr später war der Kapellen-Rundbau fertig, der Baumeister war kein anderer als der bekannte Maurermeister Christophoro Zucalli, ebenfalls ein italienischer Emigrant. Bei den Nachforschungen merkt man schnell, sie haben sich alle gut gekannt und haben zusammengearbeitet, die „Gastarbeiter“ aus dem südlichen Ausland. Der höchste Beamte in Vilsbiburg, der Churfürstliche Pfleger Antonio Maffei war Italiener und Verwandter des Papstes Clemens XI. Dann war da noch der Vilsbiburger Gastwirt und Handelsmann Lorenz Zenelli und dessen Sohn der Binabiburg Pfarrer Lorenz Zenelli. Die Bauarbeiten wurden natürlich an die südländisch sprechenden Freunde, wie dem „welschen“ oberitalienischen Baumeister Zuccalli und Magazini, dem Vorarbeiter Ganzerre oder dem Stuckateur Nicola Perti vom Comer See übergeben. Drei Mal ist Donatus Orelli nach Rom und 30-mal nach Regensburg gepilgert um seine Stiftungen durchzusetzen. Zurück kam er mit päpstlichen Ablässen und wertvollen Reliquien für seine Kirche Maria Hilf. Auf dem Porträt in der Sonderausstellung ist Donatus Orelli mit zwei Pilgermuscheln an seinem Jackett dargestellt. Die Wallfahrt hatte einen enormen Zulauf; aus der Rundkapelle wurde eine Kirche mit angebauter Wohnung. Dort wohnten die Orellis, da immer wieder Diebstähle in der Kirche vorkamen.

Vier Kinder hatte Donatus Orelli, zwei Töchter und zwei Söhne, von denen der eine Geistlicher wurde und Wolfgang Martin die Familienlinie fortführte. Das Porträt des Wolfgang Martin in der Sonderausstellung stellt ihn im bürgerlichen Festtagesgewand dar: Goldbetresster Rock, rote Weste, Ohrring und Dreispitz. Wolfgang Martin war mit Maria Viktoria Mutteus, einer Vilsbiburger Bürgers- und Ratstocher verheiratet. Sie hatten zwei Töchter und drei Söhne, wovon Johann Georg Joseph Orelli die Familienlinie fortsetzt. In der Sterbematrikel im Vilsbiburger Pfarrarchiv ist genau niedergeschrieben wo der verstorbene Wolfgang Martin am 3. Februar 1753 begraben wurde: in „Ecclesiae B.V.M. in Monte“ – begraben in der Kirche zur heiligen Maria auf dem Berg. Sein Marmor-Grabstein befindet sich heute im Krippengang auf Maria Hilf. Mit dem 13. März 1728 ist der nachfolgende Sohn Johann Georg Joseph in das Vilsbiburger Taufregister eingeschrieben. Als Taufpaten haben sich die Orellis wieder eine Vilsbiburger Persönlichkeit ausgesucht: Johann Georg Mayr, vom Beruf Archigramatäus, ein „Meister des Schreibens“; er war Vilsbiburger Oberschreiber. Der Täufling hat vom Paten die Vornamen erhalten. Ebenso wie sein Vater und Großvater ist Johann Georg Joseph Mesner auf Maria Hilf und Kaminfeger. 1754 heiratet der 27-jährige die Landshuter Bürgers- und Kaufmannstochter Maria Theresia Wäldl aus der Pfarrei Sankt Martin und Kastulus. Beide haben 15 Kinder. Nach dem Begräbniseintrag der Pfarrkirche stirbt Georg Josef mit 61 Jahren am 20. Dezember 1788. Sein Leiden wird mit dem Krankheitsbild der Podagra (= Gicht) und mehreren Schlaganfällen angegeben. Wie bei seinem Vater steht in der Sterbematrikel genau der Begräbnisort: In der Kapelle der Maria Hilf Kirche, vor dem Altar des heiligen Joseph. Heute ist sein Grabstein in der kleinen Seitenkapelle beim linken Aufgang zur Kirche. Von den beiden Letztgenannten befindet sich in der Vilsbiburger Sonderausstellung je ein Portrat auf Öl: Georg Joseph in der Kleidung des Rokoko, grüner Rock und rote Weste, seine Gattin Maria Therese mit weißer Schürze, Schoßmieder, Kleid, dessen Ärmel mit Spitzeneinsätzen, Kopfhaube mit Spitzenrand, Halsband mit Kreuz.

Interessant sind in jedem Fall die bürgerlichen Verbindungen der Orellis im Markt Vilsbiburg und über die Grenzen hinaus, ob dies nun Trauzeugen oder Taufpaten sind. Lateinlehrer, Organisten, Pflegsverwalter oder Bürgermeister, jede Gattung ist hier genannt.

Die neue Sonderausstellung im Heimatmuseum bringt mit den „Vilsbiburger im Porträt“ eine interessante Schau der Bürgerinnen und Bürger des 18. bis Anfang des 20. Jahrhunderts. Dazu gehört aber unbedingt auch die darauf abgestimmte neue Vilsbiburger Museumsschrift Nr. 11. Hier werden sämtliche in der Ausstellung gezeigten Porträts und persönliches Beiwerk über Zertifikate bis zum Sterbebild genauestens vorgestellt. Die 150-seitige Museumsschrift enthält auch sechs Nachforschungen zu einzelnen Porträts, wie eben die oben genannte Familie Orelli, die von Peter Käser auf 30 Seiten einen interessanten Niederschlag gefunden hat. Sämtliche Museumsschriften sind im Buchhandel oder an der Kasse des Heimatmuseums erhältlich, oder auch online hier.

Vom Mythos verfolgt?


Ein Portrait im Vilsbiburger Heimatmuseum
hat besondere Eigenheiten

Es gibt Menschen, die können ihrem Gegenüber nicht in die Augen sehen. Und dann gibt dieje-nigen, die einen förmlich Anstarren und auch nicht von einem lassen können – man fühlt sich beobachtet.

Haben sie es schon gesehen, das Portrait des Grafen von Seyboldsdorf im Vilsbiburger Heimat-museum? Nein? Dann haben sie sich auch noch nicht von seinen klaren und stechenden Augen verfolgt gefühlt. Auf dem Blick des jungen Herrn Grafen lastet ein besonderer Mythos, dem sich die Seyboldsdorfer Klosterschwestern gerne entledigten. Johann Franz Xaver Cajetan Anton Georg Adam Graf von und zu Freyen-Seiboltstdorff war erst im 29 Lebensjahr. Dennoch war er schon im hohen Rang ausgezeichnet mit dem gestickten Stern des Großmeisters des adeligen Ritterordens vom Sankt Michael und nannte sich des Heiligen Römischen Reiches Graf von und zu Freyen-Seyboltstorff auf Mauern, Herr der Hofmarken Deuten- und Göttlkofen, Lichtenhaag, Vilssattling und Leberskirchen, Ober- und Niederaichbach. Seiner churfürstlichen Durchlaucht in Bayern Kämmerer und Regierungsrat in Landshut, Kommandeur des Hochritterordens Sankt Michael, Mitglied der Landschaft. Die Verleihung des Ritterordens könnte dann auch der Grund gewesen sein, sich im Portrait malen zu lassen. Der junge Herr Graf saß vor der Staffelei des Landshuter Malers Wolfgang Simon Gröz. Er schaut erhobenen Hauptes mit stechenden und glänzenden Augen auf den Betrachter. In modischer barocker Kleidung des Jahres 1739, mit blauem Rock, den gold verzierten Ärmelstulpen, blauer Schärpe und weißer Perücke, konnte der noch ledige Franz Xaver Cajetan auch auf Brautschau gegangen sein, denn 1741 heiratet er Ma-ria Eleonora, die Reichsfreiin von Haacke. Der Maler Wolfgang Gröz, welcher 1720 die Lands-huter Bürgerrechte erhalten hatte, ließ sich beim Portraitieren des Herrn Grafen etwas Besonde-res einfallen, das einen nachhaltigen Mythos über das Gemälde legte.

Nachdem im Sommer 1951 Reichsgraf Ludwig, der Letzte der Seyboldsdorfer Grafen an den Starnberger See gezogen war, stand das Schloss nicht lange leer. Er verkaufte es an den Schwe-sternorden der Magdalenerinnen welche aus ihrem schlesischen Kloster in Lauban 1945 vertrie-ben wurden; 1952 zogen sie in das Schloss Seyboldsdorf ein. Die Ahnen-Gemäldegalerie von Schloss Seyboldsdorf hatte der Graf dem Archiv in Landshut vermacht, und dennoch war das Schloss nicht ganz leer; das Portrait des jungen Grafen Johann Franz Xaver Cajetan war noch vorhanden. Und es durchzog ein Unbehagen das historische Schlossgemäuer – die Klosterschwe-stern fühlten sich von seinen Augen verfolgt. Die Technik des Portraitisten ermöglichte es; Jo-hann Franz Xaver konnte den Raum in jedem Blickwinkel einsehen. Gespenstisch fühlten sich die ehrwürdigen Schwestern von seinen glänzenden Augen in jeder Richtung verfolgt. Es wurde beschlossen, das Portrait, ja den ganzen brocken Bildaufbau dem Heimatverein Vilsbiburg für sein Museum zu übereignen. Und da hängt nun der im Jahr 1774 verstorbene Graf von Sey-boldsdorf. Seine Ehefrau Maria Eleonora, hat dem verstorbenen Gatten ein außerordentlich sinn-reiches Grabmal mit einer Familien-Ahnenprobe in der Pfarrkirche Seyboldsdorf errichten las-sen.

Die Abstammung
Franz Xaver Cajetan war der älteste Sohn von Maria Anna Violanta Gräfin von Seyboldsdorf, eine geborene Freifrau von Lerchenfeld-Aham (geboren 1681, vermählt 1702, gestorben 1756). In jungen Jahren hatte sie den Herrn der Hofmarken Mauern, Hörgertshausen und Thulbach ge-heiratet, den Kurbayerischer Kämmerer und Hofrat, Reichsgraf Johann Franz Ignaz von und zu Freyen Seyboltstorff (geboren am 6. August 1673).
Leider verstarb ihr Gemahl schon im Alter von 39 Jahren am 19. Januar 1711. Nun musste sie die drei Hofmarken bis zur Volljährigkeit ihrer Kinder verwalten. Erschwerend kam dazu, dass sie auch die Hofmarken ihres verstorbenen Bruders, Deutenkofen, Günz- und Göttlkofen geerbt hatte. Diese Bürde mag sie dazu bewogen haben, mit 51 Jahren noch einmal zu heiraten. Der Reichsfreiherr Georg Sigmund von Hegnenberg war der Erwählte. Am 1. Mai 1756 war Maria Anna Violanta auf Schloss Deutenkofen verstorben. Eine prächtige Grabplatte in der dortigen Schlosskapelle erinnert an sie. Aus der ersten Ehe mit Johann Franz Ignaz zu Freyen-Seyboltstorff gingen drei Söhne hervor: Korbinian Franz Adam Veit Joseph, geb. 28.08.1703, gestorben am 9.12.1770. Georg Carl Anton Alois Adam, geb. 12.06.1708, erhielt 1742 die Pfar-rei Velden, wurde am 25. Oktober 1758 zum Dekan des Rural-Dekanats Dorfen ernannt und starb am 9.11.1762 als Pfarrer von Velden auf Schloss Biedenbach, welches er neu erbauen ließ und als Pfarrhof nutzte.
Der im Museum Vilsbiburg dargestellte, am 2. Dezember 1710 geborene Reichsgraf Johann Franz Xaver Cajetan von Seyboltstorff war der jüngste Sohn von Maria Anna Violanta und Jo-hann Franz Ignaz. Mit dem Kauf der Hofmarken Ober- und Niederaichbach im Jahr 1762 hatte sich Johann Franz Xaver erheblich verspekuliert. Eigentlich wollte er sein Herrschaftsgebiet Deuten- und Göttlkofen durch diese Erwerbungen erweitern. Schulden von über 100.000 Gulden waren das Resultat der Spekulation. Dazu wurde er auch noch für die Steuerschulden seiner Vorgänger verantwortlich gemacht, da diese in der Vergangenheit die Steuern schuldig geblie-ben waren. Dies drückte natürlich auf das Gemüt des alternden Grafen. Am 25. Mai 1774 ist er 64jährig verstorben. Seine Gemahlin war die 1722 geborene Reichsfreiin Maria Eleonora von Haacke. Die Vermählung war 1741, sie starb 60jährig am 11. März 1782.
Drei Söhne gingen aus der Ehe hervor: Christoph Maria Sigmund; Veit Franz Xaver und der Geistliche Ferdinand Alois, Domkapitular von Regensburg und Freising. Alle drei sind in der Pfarrkirche von Seyboldsdorf begraben.

Das Grabmal
Das Grabmal des im Museum dargestellten Johann Franz Xaver Cajetan ist in der Pfarrkirche von Seyboldsdorf, rechts im dritten südlichen Joch. Die Inschrift benennt in glorifizierenden Worten: „Johann Franz Xaveri des Heiligen Römischen Reiches Graf von und zu Freyen Sey-boldsdorf, Hörgertshausen, Deuten- und Göttlkofen, Lichtenhaag, Vilssattling und Leberskir-chen, dann Ober- und Niederaichbach, Kammerer seiner kurfürstliche Durchlaucht in Bayern, Regierungsrat in Landshut, Landsteuereintreiber des Rentamtes Landshut und Träger des hohen Ritter Ordens des Sankt Michael, Großkreuzer. In Gott selig entschlafen den 25. Mai 1774 im 64. Jahr seines tugendvollen Alters. Sanftmut, Gütig- und Freigebigkeit haben ihm bei jeder-mann Liebe und Achtung, dort aber ungezweifelt einen gnädigen Richter erworben. Seine unge-heuchelte Gottesfurcht, Andacht und Gerechtigkeitsliebe werden den Lohn erhalten haben, der den Frommen und Gerechten versprochen ist.“
Seine Gattin die Reichsgräfin Maria Eleonore lässt das Grabdenkmal ihrem geliebten Gemahl errichten, „diejenige welche im Leben mit ihm vereinigt war, und deren Gebeine mit den seini-gen hier ruhen werden“.

Nach dem Tode von Johann Franz Xaver 1774 hatte die Gräfin bis zu ihrem Tode 1782 als Or-dendame die Abgeschiedenheit gewählt und ist in ein Kloster gegangen. Auf dem Grabstein steht, dass Maria Eleonora Gräfin von und zu Freyen Seyboltstorf, geb. Freiin von Haacke „auf Schwainesbainth, Schrabblau, Winterburg und Sternkreutz“ als Ordensdame im Alter von 60 Jahren am 11. März 1782 ihrem Gemahl gefolgt ist und hier bei ihm begraben liegt.

Auf dem Grabstein befindet sich eine so genannte Ahnenprobe. Es sind Darstellungen von Fa-milienwappen, welche zur Zulassung für eine Adelsvermehrung im Wappen z. B. wie hier bei Johann Franz Xaver zum Reichsfreiherrn und Grafen nötig waren. Die Ahnenprobe besteht zu-erst einmal aus vier Familienwappen (Freiherren), dann aus acht Wappen (Grafen), und die zwei Ehewappen der Familienlinien Seyboldsdorf/Lerchenfeld – und seiner Gattin der Adeligen Haacke/Stinglheim.

Das Portrait
Das Portrait auf Leinwand zeigt den jungen Grafen Johann Franz Xaver Cajetan, als einen freundlichen jungen Adeligen von männlicher Schaffenskraft – und trotzdem hat das Portrait etwas Unheimliches an sich. Man muß ihn gesehen haben, den Blick des Grafen der in jedem Blickwinkel auf den Betrachter wirkt – man fühlt sich von den großen glänzenden Augen ver-folgt. Die vom Maler angewandte Technik ist einfach aber wirksam, und gibt dem Gemälde eine besondere Note. Dem Mythos der Seyboldsdorfer Klosterschwestern ist der Graf durch die Schenkung an das Vilsbiburger Museum entschwunden.
Beim Eingang zur derzeitigen Sonderausstellung „… viel köstlich Wachsbild – die Lebzelterfa-milie Lechner“ kann der junge Graf von Seyboldsdorf mit seinem verfolgenden Blicken von den Museumsbesucher in Augenschein genommen werden.

Peter Käser

Das Portrait des Grafen Johann Franz Xaver von und zu Freyen Seyboldsdorf, im Museum Vils-biburg.
Das Grabmal des Grafen Johann Franz Xaver und seiner Gemahlin Maria Eleonora in der Pfarrkirche Seyboldsdorf.