Vilsbiburg in seinen frühesten Nennungen 100 Jahre Stadt – 550 Jahre Markt – 75 Jahre Stadt

Vom Aufstieg und Untergang der Stadt des 14. Jahrhunderts
Keine der so genannten Wittelsbacher-Städte, Landshut, Straubing, Cham, Landau, Dingolfing und auch Vilsbiburg, besitzen eine Stadt-Ernennungsurkunde.

  • Einen Güterzuwachs an der Vils bekamen die bayerischen Herzöge durch das Erbe des Edlen Heinrich liber (= frei) von Vilsbiburg , noch vor dem Jahre 1253.
  • Im 1. Herzogsurbar (Güterbeschreibung) der Jahre 1231/34 werden das Dorf und der Zoll von Vilsbiburg genannt.

Die erste Landes- und Nutzteilung Bayerns vom 28. März 1255 in Ober- und Niederbayern und der Rückzug der Herzöge in den Auseinandersetzungen mit Bischof und Papst, stellte eine politische Niederlage dar. Die wittelsbacher Stadt- und Marktgründungen galten als Widerlager zur Kirche und zur Ankurbelung der Wirtschaftskraft im Lande.

  • Am 4. März 1270 trifft der Biburger Richter Heinrich (von Haarbach) die Entscheidung in einem Streit um die Abtrennung der Kirchen Aich, Treidlkofen und Frauenhaselbach von der Pfarrei Binabiburg.
  • Herzog Otto III. von Niederbayern gebietet am 20. Juni 1290 seinen Richtern und Amtsleuten in Vilsbiburg, Neuötting, Gern und anderwärts, die Rechte und Freiheiten des Klosters St. Veit an der Rott zu achten.
  • Die derzeitige früheste Nennung der „stat“ Vilsbiburg geht auf das 2. Herzogsurbar der Jahre 1301/07 zurück.
  • Herzog Otto III. verleiht am 15. Juni 1311 dem Adel, der Geistlichkeit, den Städten und Märkten die „Niedere Gerichtsbarkeit“. Nutznießer dieser „Ottonischen Handfeste“ war auch Vilsbiburg. Konnte doch nun das örtliche Magistrat die einfachen Gerichtsfälle aburteilen und eine Strafe einziehen. Innerhalb der Vilsbiburger Stadtmauern war aber auch das Hochgericht mit dem herzoglichen Richter. Unter den 19 Städten war Vilsbiburg „urbes atque oppida“ (= städtisch und auch befestigt ).
  • Am 21. Dezember 1318 erneuern die Herzöge von Niederbayern dem Kloster Raitenhaslach die Urkunden ihrer Vorfahren hinsichtlich eigener Gerichtsbarkeit „…da sie es sollen hören, die es angeht, in unseren Gerichten zu Piburch …“.
  • Bei der Stadt Vilsbiburg war es die 1. Freiheits- und Stadtrechtsurkunde vom 6. März 1323 welche von den Herzögen Heinrich XIV., Otto IV. und Heinrich XV. ausgestellt wurde, als Bestätigung der bereits bestehenden Stadtrechte und Privilegien der Bürger von Vilsbiburg durch ihren Vater, ihrer Vettern und anderer Vorfahren. Die Stadt war nach dem 1. Freiheitsbrief bereits fertig angelegt mit Zaun , Wall , Graben und Mauer , einem bewährtem Gemein- und Festungssystem.
  • Im Gegensatz zu den Stadtprivilegien im 1. Freiheitsbrief vom 6. März 1323 von Vilsbiburg, wo über 45 mal die „Stadt“ Vilsbiburg in etwa 80 Artikeln beschrieben wird, lassen die Marktrechtsprivilegien von Dorfen vom 23. April 1331 mit nur 30 Artikel doch einen erheblicher Unterschied im Rechtsstatus von Stadt und Markt erkennen.

Das Stadtrecht von 1323
Der Freiheitsbrief vom 6. März 1323 , wie er aus der herzoglichen Kanzlei hervorgegangen ist, verrät bei einem Vergleich mit demjenigen von Burghausen vom 21. März 1307 und Neuötting vom 21. Dezember 1321, sowohl in äußerer Form wie im Inhalt eine überraschende Übereinstimmung. Er ist ein Zeitdokument, ein Spiegel der Verhältnisse zu Anfang des 14. Jahrhunderts.

Abschrift der 1. Freiheits- und Stadtrechtsurkunde Vilsbiburgs vom 6. März 1323

Die Urkunde ist ganz speziell auf die Stadt und die Bürger von Vilsbiburg ausgestellt – „unser Stat, und den Burgern zu Biburg in Wort und Schrift“.

Vilsbiburg hatte im Jahre 1323 schon einmal den Status einer Stadt hatte. In den über 80 Verordnungen wird über 45 Mal die Stadt genannt. Auch die Stadtmauer, der Graben und ein, die Befestigung abschließender Zaun werden genannt. Für das feilbieten der Waren wird der „rechte Markt“ genannt, also der ordnungsgemäße Markt, der eine gewisse Sicherheit bietet, dass auch die Gewichte und Maße stimmen.

Durch die Verleihung dieses Stadtrechtes, wie in der Eingangspassage geschrieben wurde „unser Stat und den Burgern zu Biburg“ war Vilsbiburg zu einer gehobenen landesherrlichen Stellung aufgestiegen. Die Verwaltung der Stadt lag in den Händen des Rates, der auch eine bestimmte polizeiliche Befugnis im weiten Umfang auszuüben hatte. Der herzogliche Richter, der innerhalb der Stadt seinen Sitz hatte, war bei der Ausübung seiner Amtsgewalt wesentlich eingeschränkt, was darin zum Ausdruck kommt, dass in vielen Fällen die Hälfte der Strafgelder der Stadtkammer zugesprochen wurde, ja selbst bei Verfehlungen des Richters, dieser der Stadt eine Strafe bezahlen musste. Dieses Stadtrechtsprivileg war ein bedeutender Markstein in der Entwicklung der Stadt.

  • Um 1329 hatten die Bürger von Landshut und Biburg beim Zoll von Hohenwart besondere Rechte, diese hatten auch die Landshuter Bürger beim Zoll in Vilsbiburg.
  • In einer Urkunde des Regensburger Bischofs Nikolaus vom 19. August 1337 , in der auch die derzeit früheste gesicherte Datierung der Pfarrei und Pfarrkirche (ohne Patroziniumnennung) erscheint, wird auch die befestigte Stadt genannt.
  • Aus einem 3. Urbar (Aufschreibung) vom 6. August 1340 erfahren wir, dass die Abgaben mit 60 Pfund Pfennigen von der Stadt Vilsbiburg, die höchsten der umliegenden Städte und Märkte waren.
  • Noch nicht einmal 20 Jahre waren seit der Verleihung des 1. Freiheitsbriefes vom Jahre 1323 vergangen, da hat Kaiser Ludwig am 12. Mai 1341 der „Stat zu Vils Biburg“ eine 2. Stadtrechtsurkunde oder „Gnadbrief“ erlassen. Darin hat er die „grossen gebresten“, die die weisen Leute, der Rat und die Bürger „gemainlichen“ (= der Gemeinde), die sie von der übermäßig großen Steuer bisher gehabt haben, „in und ihrer Stat“ die Steuer die sie schon immer abgeben mussten – nunmehr auf 16 Pfund Regensburger Pfennige im Jahr vermindert.

    Eine Katastrophe war eingetreten. War es ein Hochwasser, eine Seuche, ein fürchterlicher Brand? Aus der Urkunde geht leider nichts Weiteres hervor, als die „grossen gebresten“, die den Kaiser Ludwig veranlassten, die jährliche Stadtsteuer von 60 Pfund auf 16 Pfund Pfennige zu verringern, – aber trotzdem sollen die städtischen Rechte so bleiben wie es von jeher war.

  • Landshut wurde am 6. Mai 1342 von einer fürchterlichen Brandkatastrophe heimgesucht, 112 Häuser wurden vernichtet.
  • 85 Adelsfamilien und 19 Städte und Märkte (Gemain der Bürger) gingen am 4. November 1347 einen Hilfs-Verbund mit dem Herzog ein. Dieser Verbund schützte die verbrieften Rechte und Eigen, Lehen, Geld, Pfandschaften und Gerichte gegenüber den Herzögen von Niederbayern/Landshut und sie verpflichteten sich zu gegenseitiger Hilfe. An siebzehnter Stelle der aufgeführten Städte und Märkte, erscheinen noch vor Pfarrkirchen und Eggenfelden, die „Bürger und Gemain von Vilsbiburg“.

Der Untergang einer Stadt
Nach einem 40-tägigen Erdbeben im Jahre 1348 , folgte die verheerende Pest der Jahre 1348/49.

  • Doch schon 1349, bei der Landesteilung durch die Söhne des Kaisers Ludwig, findet Vilsbiburg als „Markt“ und nicht mehr als „Stadt“ seine Erwähnung –„Byburg der markt mit dem gericht und was dartzu gehört“. Neuötting wird noch als „die stat mit dem gericht und was dartzu gehört“ genannt.


Die geschichtliche Katastrophe

Im Jahre 1366 kam es zur geschichtlichen Katastrophe.

Die ganze Stadt lag nach einen verheerenden Brand in Schutt und Asche. Der Landshuter Herzog Stephan der Ältere und seine Söhne Stephan und Friedrich, haben sich nach einem am 3. November 1367 ausgestellten Brief, den „großen verderblichen Schaden“ den die lieben und treuen Bürger, -und nun kommt es- „unseres Markts zu Biburg“, wegen ihres Brandes erleiden mussten, angesehen. In dem in Burghausen ausgestellten Brief erließen sie den Bürgern die ganze „gemeindliche Marktsteuer“ für sechs Jahre -wegen ihres großen Schadens. Dabei gedachten sie auch, dass der Markt Vilsbiburg, nachdem er nun keine Steuer und somit auch vor der „Gant“ also vor dem Verderbnis und dem Konkurs steht, von niemanden deswegen beleidigt oder angezeigt wird.

Nunmehr erscheint über 550 Jahre in den folgenden Bestätigungen der Rechte und Freiheiten nur noch der „Markt“ Vilsbiburg, bis zur Stadterhebung am 1. April 1929.

Der Grund dafür lag unmissverständlich in der durch äußere Einwirkungen, den wirtschaftlichen Standtort schwächenden Einflüssen.

Peter Käser
Zenelliring 43/Binabiburg
84155 Bodenkirchen
Tel: 08741 6999, e-mail: Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, Sie müssen JavaScript aktivieren, damit Sie es sehen können
Juli 2004

Zum 70. Geburtstag von Lambert Grasmann

Festschrift für Lambert Grasmann: Laudatio Dr. Martin Ortmeier

 

Vilsbiburg, den 18. August 2007
 

Laudatio

Ich sehe Kolleginnen und Kollegen, die mir seit Jahren, seit Jahrzehnten bekannt und vertraut sind, ich sehe Mitglieder des Heimatvereins, die in drei Sommerkampagnen auf dem Hafnerhof des Freilichtmuseums Massing in Kleinbettenrain, der „Girgnmasölde“, gegraben, gewaschen, sortiert und beschriftet haben, ich sehe Herrn und Frau Grasmann, vedo con molto piacere amici friulani, ich sehe Vilsbiburger Bürgerinnen und Bürger, die mir schon mehrmals bei Veranstaltungen in diesem Haus begegnet sind, ich sehe alte und junge Menschen – und ich freue mich, dass ich dabei sein darf, meine sehr geehrten Damen und Herren.

Dass mit heute erlaubt ist, Ihnen ein Buch vorzustellen, das zur Würdigung der Lebensleistung Lambert Grasmanns verlegt wurde, ist mir eine große Ehre. Aber ich will systematisch vorgehen.

 

Erstens,

meine sehr geehrten Damen und Herren,

 

erstens habe ich eine „sakrische Freud“ an dieser Veranstaltung,

zweitens werde ich in meinen folgenden Worten keinen Superlativ verwenden. Denn das Größte, das Beste, das Teuerste, das „Kleinste“ und das Feinste ist nicht die Welt des Lambert Grasmann. Er ist ein Mensch des Komparativs: geduldiger, ausdauernder, sorgfältiger, gründlicher, bescheidener und vor allem, er ist ein Mensch des – das lassen wir der Einfachheit halber hier mit beim Komparativ stehen, er ist ein Mensch des Miteinander.

Drittens: Wenn wir heute hier auseinander gehen, dann wird ein jeder seine Erinnerungen mit nach Hause nehmen. Diese Erinnerungen sind, wie dies so ihre Natur ist, vergänglich. Bleiben wird auf lange Dauer ein Buch, das wir heute vorstellen wollen, eine Festschrift zum 70. Geburtstag Lambert Grasmanns. „Zwischen Milchweidling und Stichbogen“ lautet der Titel dieses Buchs, mit mehr als 200 Seiten ist es ein umfänglicher Band. In der Reihe der Vilsbiburger Museumsschriften, die Lambert Grasmann mitbegründet hat, trägt diese Festschrift die Nummer 9.

 

Diese Geburtstagsfestschrift, die wir heute an Lambert Grasmann übergeben werden, ist keine akademische Pflichtübung, sondern eine freudige Gemeinschaftsarbeit seiner Kolleginnen und Kollegen aus der Volks- und Landeskunde, der Regionalgeschichte, der Museums- und Heimatpflege. Für einen jeden, der von den Herausgebern angefragt wurde, ob er einen Beitrag zu dem Buch leisten wolle, ist es nicht allein eine Freude dabei zu sein, es ist auch eine Ehre.

 

Lassen Sie mich die Autoren Revue passieren.

Wie könnte es anders sein, als dass aus dem Kreis der Keramikforscher Dr. Werner Endres, Ludwig Albrecht und Rudolf Hammel dabei sind. Alle drei zählen zu den Pionieren der Erforschung der Kröninger, der Peterskirchener und der Zeller Hafnerei. Auch in diesem Buch schreiben sie weiter an der Geschichte dieser bedeutenden Industrie: „Von den Schüssel- und Kraxnträgern bei den Hafnern im Rottal“ heißt der Beitrag Ludwig Albrechts, „Die gemeinsame Oberherrschaft im Früh- und Hochmittelalter über die ‚Hafner im Kröning’ und die ‚Hafner in der Zell’“ ist der Aufsatz Rudolf Hammels überschrieben.

Ein Fernstehender mag meinen, hier übten ein paar heimatpflegende Liebhaber ihr Hobby. Er kann zwei Wege wählen, seine Meinung zu korrigieren: entweder er liest die Beiträge, oder er schaut sich im Anhang die Autorenliste an. In dieser Liste finden sich in zureichender Zahl – wir fassen das wohl mit Fug und Recht als Ausweis der durchgängigen Fachlichkeit des Buches auf, dort finden sich Universitätsprofessorinnen und -professoren: Prof. Dr. Bärbel Kerkhoff-Hader vom Institut für Europäische Ethnologie der Universität Bamberg hat über den „Töpfermarkt im Schloßhof zu Thurnau“ geschrieben, Prof. Dr. Walter Hartinger, Emeritus der Universität Passau verdanken wir einen Beitrag mit dem Titel „Feuersnot–Feuerschutz. Die Zeit vor der Gründung der Freiwilligen Feuerwehren“. Auch Prof. Dr. Ingolf Bauer, Leiter des Instituts für Volkskunde der Kommission für bayerische Landesgeschichte der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, hat zu unserem Buch beigetragen.

Mit diesem Keramikforscher und herausragenden Museumsfachmann Ingolf Bauer, der im August 2006 früh verstorben ist, sind zwei weitere nicht mehr lebende Weggefährten Lambert Grasmanns in unsere Erinnerung gerufen: Dipl.-Ing. Paul Stieber, der zu den Begründern einer nicht allein ästhetischen, sondern wissenschaftlichen Hafnerkeramikforschung zählt, und Dr. Fritz Markmiller, Kreisheimatpfleger und Museumsleiter in Dingolfing. Wir können sicher sein, dass sie zu dieser Festschrift beigetragen hätten, wenn es ihnen vergönnt gewesen wäre.

 

Historische Sachverhalte werden neben der schulischen und akademischen Lehre und neben didaktischen und wissenschaftlichen Schriften anhand von geschichtsträchtigen Dingen im Museum vermittelt. Mit dem Heimatmuseum Vilsbiburg trägt Lambert Grasmann zu diesem Weg der Vermittlung in der Region wesentlich bei.

Das würdigt sein Kollege aus dem Freilichtmuseum Massing mit einen reich bebilderten Beitrag über „Die Seilerei Eder in Pfarrkirchen“. Damit wird auch auf das umfassende Interesse Grasmanns an der Geschichte des traditionellen Handwerks hingewiesen. Grasmann hat sich nie allein auf das Hafnerhandwerk kapriziert. Die Bibliographie führt u.a. Veröffentlichungen Grasmanns über die Bildhauer und Maurermeisterfamilie Wagner aus Landau und Vilsbiburg (1974), über die Rotgerber (1988), die Stricker (1990 und über den Kirchenmaler Frater Max Schmalzl (2000) auf. Für die Darstellung im Museum hat er Brauer, Wachszieher, Metzger und viele andere Handwerke, außerdem den lokalen Einzelhandel und weitere Beispiele des Vilsbiburger Gewerbes aufgearbeitet.

 

Einige der Autoren haben seit vielen Jahren von Amts wegen mit dem Kreisheimatpfleger und Museumsleiter Lambert Grasmann zu tun. Es würde mich schon stark wundern, wenn auch nur einer seinen Beitrag „von Amts wegen“  oder gar während der Dienstzeit verfasst hätte.

Thomas Sperling vom Bayerischen Geologischen Landesamt hat „Die Tonvorkommen im Kröning und an der Bina im niederbayerischen Tertiärhügelland“ beschrieben, Dr. Ludwig Kreiner, Kreisarchäologe des Landkreises Dingolfing-Landau, behandelt einen vorwiegend keramischen Fundkomplex auf dem „’Pfarrerberg’ in Unterframmering, Gde. Landau“, Dr. Albrecht A. Gribl, der für das Heimatmuseum Vilsbiburg zuständige Referent der Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen, würdigt eben dieses Museum, in dem wir auch heute wieder zu einer Feier beisammen sind, mit einem Beitrag unter dem Titel „Von der Ortssammlung zum Schwerpunktmuseum Vilsbiburg – ein niederbayerisches Heimatmuseum“. Dipl.-Ing. Bernhard Herrmann vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege hat einen Aufsatz über die „Bäuerliche Denkmalpflege im Landkreis Landshut“ verfasst. Er nennt seinen Beitrag zurückhaltend einen „Werkstattbericht“, er ist aber vielmehr eine Darstellung des Status von Forschung, Dokumentation und Pflege in diesem politischen Raum. Gerhard Tausche, Leiter des Stadtarchivs Landshut und 1. Vorsitzender des Historischen Vereins für Niederbayern, behandelt „Die Residenzstädte des Herzogtums Bayern-Landshut Burghausen und Landshut“. Zu den Amtspersonen ist in diesem Fall auch Peter Käser zu zählen, der als Mitglied des Beirats des Heimatvereins Vilsbiburg an Hand der Quellen ein Vilsbiburger Thema ausführt, „Flatach und Riglstein – Die Ziegelei der Vilsbiburger Pfarrkirche“.

 

Dr. Pierluigi Calligaro, dessen Vater Domenico vor einhundert Jahren fast ein ganzer Vilsbiburger geworden wäre, hat aus der friulanischen Partnerstadt Buja einige Beiträge besorgt, Pater Herbert Müller SDB, Wallfahrtsdirektor von Maria Hilf in Vilsbiburg, hat sie aus dem Italienischen übersetzt.

Elena Lizzi, die Kulturreferentin Bujas würdigt Lambert Grasmanns Initiative für die Städtepartnerschaft Vilsbiburg-Buja, Valentina Piccinno behandelt in ihrem Beitrag die Tradition des Ziegelbrennens, welche Buja und Vilsbiburg seit 150 Jahren verbindet. Christina Degano, die selbst aus einer Zieglerfamilie stammt, hat in den Jahren 1997 und 1999 als Schülerin in Aufsätzen technische und soziale Aspekte des Ziegelpatschens und Ziegelbrennens beschrieben. Vielleicht wächst in dieser inzwischen wohl jungen Frau eine heimatkundlich aktive Person nach, welche die Reihen von uns zum Teil schon recht in die Jahre gekommen Autoren verjüngen kann.

 

Zahl und Vielfalt der Beiträge zu dieser Festschrift ist beeindruckend. So gern jeder seinen Beitrag geleistet hat, er hätte das nicht tun können und er fände seine Arbeit nicht in diesem Buch zusammengefasst, wenn nicht jemand Initiative zu dieser Festschrift und zur Herausgabe des Buches übernommen hätte. Dies sind der Vorsitzende des Heimatvereins Vilsbiburg Peter Barteit und die Archäologin Dr. Cornelia Renner. Als einer der Autoren, dem die Freude des Mitmachens von diesen beiden eröffnet wurde, danke ich ihnen sehr herzlich für ihre Mühe.

 

Dr. Cornelia Renner, einer der wertvollsten „Funde“, die der Heimatverein in der jüngeren Zeit hat einholen können, hat zudem die Bibliographie des Gewürdigten zusammengestellt. 58 Positionen zu den verschiedenen Fachbereichen der Heimatkunde, in denen Grasmann forschend und schreibend tätig war, führt sie auf, der Zeitraum umfasst die Jahre 1974 bis 2006.

Die Veröffentlichungen zur Keramikforschung hat Dr. Werner Endres in seinem Aufsatz „Bert Grasmann und seine Beiträge zur bay[e]rischen Keramikforschung“ unter der Teilüberschrift  „Keramische Bibliographie“ zusammengestellt, das sind noch einmal 47 Positionen zwischen 1974 und 2005.

Peter Barteit hat in einem Leitbeitrag unter dem Titel „Ein Glücksfall von A bis Z“ die Fachbiographie Lambert Grasmanns vorgestellt.

In einem „Geleitwort“ hat der Erste Bürgermeister des Stadt Vilsbiburg, Helmut Haider, zum Ausdruck gebracht, dass die jahrzehntelange herausragende Leistung Lambert Grasmanns auch von kommunalpolitischer Seite gesehen und anerkannt wird. Ingolf Bauer und Albrecht Griebl weisen unabhängig voneinander darauf hin, das die Außenwahrnehmung und die Wertschätzung der Stadt Vilsbiburg maßgeblich und vorrangig vom Heimatmuseum geprägt ist.

 

Es wäre jetzt Aufgabe des Laudators, nach der Vorstellung des Buches nun den Gewürdigten als Person und im Umfang seiner öffentlichen Tätigkeit vorzustellen. Aber ich würde Ihnen dadurch das Vergnügen der Lektüre eines der schönsten Beiträge des Buches rauben: Peter Barteits „Ein Glücksfall von A bis Z“.

Neben Anekdoten, die ich Ihnen auf jeden Fall vorenthalten will, bietet uns der Autor als jahrzehntelanger Mitstreiter einen Überblick über Lambert Grasmanns Leben als Heimat-, Denkmal- und Archivpfleger, als Museumsleiter, als Regionalgeschichts- und Hafnerkeramikforscher: von den Begriffen „Archivpflege“ bis „Ziegelbrenner“. Dass da auch ein paar schöne alte Photos aus der Geschichte des Heimatvereins und des Heimatmuseums eingestreut sind, versteht sich von selbst.

 

Drei Autoren, die ich oben schon genannt habe, widmen sich in ihren Beiträgen vorrangig der Person und den kulturellen Leistungen Lambert Grasmanns.

Dr. Werner Endres, Doyen der modernen historischen Hafnerkeramikforschung, würdigt Grasmann unter der Überschrift „Bert Grasmann und seine Beiträge zur bay[e]rischen Keramikforschung“. Werner Endres hebt aus der Fülle der Veröffentlichungen die wegweisenden heraus, er erleichtert dadurch einem Neueinsteiger in das Thema die Arbeit. Eine umfassende Bibliographie der Grasmann’schen Veröffentlichungen zur Keramik ergänzt den kommentierten Teil. Endres stellt zudem diese Arbeiten in den zeitlichen Ablauf der Hafnerkeramikforschung seit 1974, denn nur so ist verständlich, warum ein Bericht über die Bergung einer Bruchgrube in Hundspoint oder Kleinbettenrain so bedeutsam ist. Wie wichtig als Veröffentlichungsorte Fritz Markmillers Zeitschrift „Der Storchenturm“ und anschließend Grasmanns „Vilsbiburger Museumsschriften“ sind, fällt allein schon im Überfliegen der Listen ins Auge.

Die wegweisende Tätigkeit Grasmanns und seiner ehrenamtlichen Kollegen formuliert Endres ganz lapidar: „Zu jenen Zeiten“, er schreibt von den Bergungen der Bruchgruben in Kleinbettenrain, „ wurden von der ‚Amtsarchäologie’ überhaupt keine so jungen Keramiken geborgen und wissenschaftlich bearbeitet“ (S. 23).

 

Die heimatpflegerische Arbeit Lambert Grasmanns sei nicht gering geschätzt, überregionale und überzeitliche Beachtung aber verdienen seine Erfolge in der Keramikgeschichtsforschung und im Aufbau des Vilsbiburger Heimatmuseums. Ingolf Bauer würdigt in seinem Beitrag „Ein Vilsbiburger schreibt Keramikgeschichte“ Grasmanns Betätigungsfeld Hafnerkeramikforschung, Albrecht Gribl legt in seinem Beitrag „Von der Ortssammlung zum Schwerpunktmuseum Vilsbiburg“ das Betätigungsfeld Museum dar. Beide Aufsätze, die ja jeder einen Zeitraum von mehr als 30 Jahren übergreifen, will ich hier nicht referieren, es ist jeder für sich eine Laudatio auf ein Forscherleben, das leicht für zwei Jubilare reichen würde.

Ich will mich hier damit begnügen, ein paar Sätze zu zitieren, die Sie, meine sehr geehrten Damen und Herren, zur eigenen Lektüre der Festschrift veranlassen können.

„Ohne Lambert Grasmann und seine Mitstreiter am Vilsbiburger Heimatmuseum gäbe es die (…) weit über Museums- und Sammlerkreise hinausreichende Beachtung (dieser Institution) nicht“ (S. 30), schreibt Ingolf Bauer. Und weiter: „Im Geben und Nehmen sehe ich das solide Fundament unserer wissenschaftlichen Beziehung, wobei nach meiner Erinnerung ich wohl mehr der nehmende Teil war“ (31). In dieser bescheidenen Aussage eines der profiliertesten Keramikforscher und Museumskundler Bayerns tritt uns Ingolf Bauer auch selbst lebhaft in Erinnerung, den wir hier im Museum im Oktober 2005 bei der Eröffnung der Abteilung „Ziegelpatscher und Ziegelbrenner“ wenige Monate vor seinem Tod als Referent noch einmal erleben durften.

Ingolf Bauer weist in seinem Beitrag auch hin auf Grasmanns Initiative, die 2001 zur Städtepartnerschaft Vilsbiburg-Buja geführt hat, er erinnert an Fritz Markmiller, in dem „Lambert Grasmann den kongenialen Partner (gefunden hat), um Archivquellen zu nutzen oder die Kenntnisse der Geschichtswissenschaft einzusetzen“, er erinnert an den Gründer des Internationalen Hafner-Symposions Paul Stieber, und er schließt mit den Worten „Es gibt im deutschen Sprachraum wohl keine Hafnerlandschaft, die bisher in derart umfassender Weise bearbeitet wurde. Hintergrund für diese Leistung ist keine aufwendige Institution, sondern Fleiß und Beharrlichkeit“ (S. 34).

 

Bevor ich mich der Würdigung zuwende, die Albrecht Gribl dem Museumsmacher Lambert Grasmann in seinem Beitrag zuteil werden lässt, will ich noch ein kurzes Zitat von friulanischer Seite einflechten.

Elena Lizzi schreibt: „Dall’attività del Sig. Grasmann ebbe origine un nuovo flusso di visite tra gli abitanti di Buja e di Vilsbiburg, che oggi sono parte integrante della vita associativa e culturale e che ormai coinvolgono tutti gli strati sociali delle nostre comunità. (…) Presenziamo con grande partecipazione a questo atto di riconoscenza al Sig. Lambert Grasmann come storico, come dirigente di ente pubblico, ma soprattutto come persona, per le sue doti umane e professionali che abbiamo avuto l’onore di conoscere ed apprezzare” (S. 59).

Io vorrei aggiungere, cari amici friulani, che sono molto lieto di  rivedere anche Voi oggi qui a Vilsbiburg.

Elena Lizzi hat ihren kurzen Beitrag unter den schönen Titel gestellt: “Cercando fatti storici … trovò una comunità gemella!“ – „Ich habe nach historischen Fakten gesucht … und fand eine Partnerstadt“.

 

Albrecht Gribl referiert die Entwicklung des Vilsbiburger Heimatmuseums im Spiegel der Geschichte bayerischer Kommunalmuseen. Er erinnert an den Neuanfang nach Jahren der Stagnation im Jahr 1970 und die Übernahme der Museumsleitung durch Lambert Grasmann im Jahr 1973.

Vor allem aber würdigt er die Erweiterung und schrittweise Neueinrichtung des Museums in den Jahren 1995 bis 2005, die er beratend begleitet hat und deshalb aus eigenem Miterleben kennt: „Die gut 10 Jahre dauernde Neuaufstellung konnte 2005 mit der Eröffnung der Abteilung ‚Ziegelpatscher und Ziegelbrenner im Vilsbiburger Land’ zum Abschluss gebracht werden. In Ergänzung und Fortführung des Schwerpunktthemas Lehm und Ton sind die Produkte und eine Dokumentation zu den hier um 1900 tätigen Friaulaner Ziegelarbeitern zu sehen. Ein großes, langwieriges Werk war vollendet, an welchem Lambert Grasmann namhaften Anteil hatte“ (S. 153).

 

Lassen Sie mich mit einer persönlichen Erinnerung schließen, meine sehr geehrten Damen und Herren! Es war, soweit ich mich erinnere, im Herbst 1987, dass ich auf Einladung von Fritz Markmiller als junger Museumsleiter an der in Landshut stattfindenden Vorstellung der Festschrift für Bezirksheimatpfleger Dr. Hans Bleibrunner zu dessen 60. Geburtstag teilnehmen durfte.

Die Offenheit und Herzlichkeit der Aufnahme in den Kreis der Heimatforscher um Markmiller und Bleibrunner, vor allem durch Lambert Grasmann und seine Frau, sind mir unvergesslich – und sind mir seitdem Maßstab für mein eigenes Verhalten jungen Kolleginnen und Kollegen gegenüber.

Das mag vielen als selbstverständlich erscheinen, Herrn und Frau Grasmann zuvorderst, das ist es aber nicht. Ich hatte daran gedacht, Ihnen ein drastisches Gegenbeispiel aus ebenso eigener Erfahrung vorzutragen. Das habe ich aber verworfen, denn dieser heutige Tag ist mir zu wertvoll. Jedenfalls, ich erkannte damals, wie wirkliche Stärke und Größe einer Person sich äußern. Lambert Grasmann ist, das weiß ich seitdem, eine starke, ein große Person. Ich bin stolz, dass ich nicht allein zu den Geburtstagsfestschriften für Hans Bleibrunner und Fritz Markmiller beitragen durfte, sondern nun auch zu dieser Festschrift für Lambert Grasmann.

 

Lieber Herr Grasmann, alles Gute zu Ihrem 70. Geburtstag!

 
 
 
Zur Feier des 70. Geburtstages von Lambert Grasmann,

Leiter des Heimatmuseums Vilsbiburg,

am 18. August 2007 im Heimatmuseum

von Josef Billinger, Altbürgermeister und Ehrenmitglied des Heimatvereins
Sehr verehrte Damen und Herren,    lieber Bert, (denn für uns ist er nicht der Lambert, sondern der Bert!)

Besucher von auswärts, interessierte Laien und fachkundige Museumsleute, die zum ersten Mal in dieses Haus kommen, setzt es immer wieder in Erstaunen mit welcher Qualität und Vielfalt an Ausstellungs­gegenständen, an Darbietung und großem Umfang dieses Museum aufwarten kann. Dies erst recht, wenn sie erfahren, dass es in seiner Grundkonzeption schon anfangs der 70iger Jahre des letzten Jahrhunderts realisiert wurde. Geschaffen vom Heimatverein, zusammen mit der vor der Gemeindereform noch kleinen Stadt Vilsbiburg mit gut 7000 Einwohnern, die damals von der Wirt­schafts- und Finanzkraft her im unteren Teil der Skala zu finden war.

Wie kam das zustande, wer hat dieses für die große Museumswelt kleine, für einen ländlichen Bereich jedoch große Wunder vollbracht?

Ich will versuchen eine Antwort darauf in gedrängter Form zu geben. Wir kennen alle den Ausspruch "Der Erfolg hat viele Väter …" Ganz am Anfang dieses Erfolges – wir sitzen ja mittendrin – gab es Urgroß­väter und Großväter. Die Namen Pfarrer Spirkner, Carl Zollner und Gustav Laube sind hier beispielhaft zu erwähnen.

Seit 1967 gibt es eine Seele des Vereins und – viele gute Geister!

Die Seele: Bert Grasmann!

Die guten Geister: Seine Mitarbeiter und Helfer

von Anfang an und alle die im Laufe der Jahre dazugekommen sind, die Stadt­räte von Vilsbiburg, die Berater und Ideengeber, die Akteure der Veranstalt­ungen, die treuen und immer zahlreicher werdenden Mitglieder des Heimat­vereins, die Stifter von Sach- und Geldspenden und schließlich die vielen, vielen Besucher seit der Eröffnung des Heimatmuseums in diesen Räumen am 20./21. Oktober 1973, die ihr Interesse bewiesen und mit freudiger und oft staunender Anerkennung ihren Dank zum Ausdruck brachten. Darüber dürfen wir die Frauen der Museumsmitarbeiter nicht vergessen, die ihre Männer ohne Murren zu den wöchentlichen Arbeitstreffen ziehen lassen, wenn­gleich es kurz vor Eröffnungsterminen auch mal so richtig stressig wird. Lauter real existierende gute Geister also.

Bert Grasmann rief sie zwar, aber ganz im Gegensatz zum Zauberlehrling will er sie nicht mehr loswerden!

 

Die Seele: Sie scheint zum ersten Mal auf – diese Formulierung haben wir von unserem Museumsleiter in seinen Vorträgen des Öfteren gehört -sie scheint auf im ersten Rundschreiben des Heimatvereins an seine Mitglieder im April 1968. Darin wird berichtet von der Versammlung am 2.12.67, in der eine neue Vorstandschaft gewählt wurde, die das Wiedererwachen des bis dahin nicht ganz schlummernden aber auch nicht ganz wachen Vereins bewirken sollte.

An dieser Stelle beim Verfassen meines Beitrages angelangt, habe ich überlegt ob ich beim Zitieren neben dem Namen der heute ja im Mittelpunkt steht, noch andere nennen soll. Ich meine ja. Ich denke, bei Bert und den anwesenden Vilsbiburgern, soweit sie die 5 oder höher vor ihren Lebensjahren stehen haben, werden diese Namen Erinnerungen wachrufen, Ich zitiere also auszugsweise:

"Dieses Rundschreiben stellt einen Teil unserer Bemühungen dar, dem Heimat­verein wieder zu einem kräftigeren Leben zu verhelfen. Diese Absicht war auch Hauptthema der Vorstandschaftsbesprechung am 17.3.68. Wir dürfen die am 2.12.67 neu gewählte Vorstandschaft in Erinnerung bringen:

1.Vorsitzender    Josef Billinger
2."                    Ludwig Grünberger

Kassier              Frau Ida Bergmann Schriftführer       Josef Limmer

Museumswart     Franz Wurm

Beisitzer            Karl Brandstetter

                        Dr.Helmut Dotterweich

                        Horst Boenisch

                        Simon Häglsperger

Wichtigster Punkt war die künftige Gestaltung des Heimatmuseums im alten Spitalgebäude in Vilsbiburg.

Das Heimatmuseum soll im Laufe der nächsten Wochen fotografisch inventarisiert werden, anschließend wird insbesondere das Depot gesichtet und geordnet. Dieser Aufgabe werden sich besonders annehmen, die Herren Grünberger, Wurm, Häglsperger, im Verein mit den jüngeren Mitgliedern Herrn Grasmann, Barteit und Grötzinger, eventuell sollen weitere jüngere Mitglieder dafür gewonnen werden.  .. Der Heimatverein wird im Laufe der nächsten Monate der Stadt Vilsbiburg eine Gesamtkonzeption des Heimatmuseums vorlegen."   Zitatende Von da an ging’s bergauf.

 

Die Erwartungen an die "jüngeren Mitglieder" wurden nicht nur erfüllt, sie wurden weit übertroffen, zumal sich ihre Zahl deutlich erhöhte. Das Gesamtkonzept wurde erarbeitet, wobei der Kernpunkt war, das gesamte zweite Stockwerk für Museumszwecke nutzbar zu machen. Der zweite Stock, das ist der Raum in dem wir uns jetzt befinden. Sie müssen sich das so vor­stellen: Quer- und Längsmauern bildeten eine Zimmerflucht für die vormaligen Insassen des Hl. Geist Spitals, das immerhin in Vilsbiburg auf eine 500jährige Tradition zurückblickt. In jedem Zimmer sorgte eine Dachgaube für Tageslicht und Luft. Das Spital wurde in den 50er Jahren in das frühere städtische Krankenhaus in der Oberen Stadt verlegt. Heute ist dort das Geschäftshaus Pannermayr. Das Mauerwerk musste entfernt, ein neues Dach aufgebracht, die Beleuchtung und vieles andere neu geschaffen werden, ein zeit- und arbeits-aufwändiges Unternehmen und für die finanziellen Verhältnisse der Stadt schon eine beträchtliche Belastung. Dafür musste also der Stadtrat erst einmal gewonnen werden.

Der Vorsitzende des Heimatvereins

amtierte damals in Personalunion auch als erster Bürgermeisters. Es gelang ihm den Stadtrat von der Notwendigkeit der Maßnahme zu überzeugen und die Finanzierung sicherzustellen. Ich muss hier einfügen, dass sehr viele Arbeiten vom städtischen Bauhof ausgeführt wurden. Weil das großenteils nur im Winter möglich war, ergab sich eine lange Umbauzeit. Sogar die Ausstellungsvitrinen wurden in der Bauhofschreinerei angefertigt. Im Rundschreiben Nr. 2 des Heimatvereins vom April 1973 wurde dazu ausgeführt: "Dem Interesse der Stadt und der Aufgeschlossenheit des Stadtrates ist es zu verdanken, daß die fast 2 Jahre dauernden Instandsetzungsarbeiten und Veränderungen im Museumsgebäude heuer abgeschlossen werden können. Die Umquartierung und Neuaufstellung des Museumsgutes übernimmt

eine Gruppe jüngerer Mitglieder des Vereins, wobei gesagt werden muss, dass nur durch die Energie und Ausdauer dieses Kreises das Projekt "Heimatmuseum" überhaupt erst in Angriff genommen werden konnte." Zitatende.

Genau das war das überzeugendste Argument für den Stadtrat. Daß es diese Gruppe junger Bürger in unserer Stadt gab, die schon einige Jahre lang regel­mäßig so manche Stunde ihrer Freizeit im Museum damit verbrachte in prakt-tischer Arbeit "die natürliche und geschichtlich gewordene Eigenart der

 

Heimat zu schützen und zu pflegen, die Allgemeinheit über Inhalt und Wert der Heimatkultur zu unterrichten und zur lebendigen Weiterentwicklung dieses Erbes anzuregen". Das war jetzt ein Zitat aus der Satzung des Heimatvereins über den Vereinszweck.

Seit der Wiederbelebung des Vereins hat diese Gruppe gemeinsam mit älteren Ausschussmitgliedern eine beachtliche Anzahl volksmusikalischer Abende, kultureller Heimatfahrten, Ausstellungen im Museum und Vorträge durchgeführt. Respektable Teilnehmerzahlen und eine große Anzahl gestifteter musealer Gegenstände waren die Beweise für die Akzeptanz in der Bevölkerung. Die Tätigkeit des Vereins mehrte das Ansehen der Stadt und trug unbestreitbar dazu bei, sie lebens- und liebenswerter zu gestalten. Die Zustimmung des Stadtrates zur Vergrößerung des Museums trotz vieler anderer drängender Projekte war also Anerkennung der bis dahin sichtbaren Erfolge und Dank für die geleistete Arbeit.

Das Vertrauen der Stadträte und die darauf geleistete finanzielle Investition sollten sich reich lohnen.

Seit Februar 1973 war Bert Grasmann auch offiziell Museumsleiter und Peter Barteit 2. Vorsitzender. Er war es auch, der den beruflich stark beanspruchten 1. Vorsitzenden in der Vereinsarbeit praktisch ersetzte. Mit der Einweihung des erweiterten Museums am 20.und 21. Oktober 1973 wurde ein neuer Abschnitt der Vereinsgeschichte eröffnet. Von nun an ging’s steil bergauf.

Ich zitiere ein letztes Mal aus einem Rundschreiben, es war die Nr.3 vom April 1974:

"Ob der 20. und 21. Oktober 1973 in die Geschichte der Stadt Vilsbiburg eingehen wird, werden unsere Nachkommen entscheiden. Fest steht, dass die Wiedereröffnung des Heimatmuseums das herausragende Ereignis des vergangenen Vereinsjahres war. Der Volksmusik-Hoagarten am Vorabend lockte nahezu 600 Zuhörer in die Aula der Hauptschule.

Nach einem Ständchen des Musikvereins Vilsbiburg, dem sich ein ökumenischer Gottesdienst in der Heilig-Geist-Spitalkirche anschloss, folgte der offizielle Eröffnungsakt mit der Festansprache von Dr. Georg Spitzlberger. Geradezu überwältigend war der Andrang der interessierten Bevölkerung, die sich am "Tag der offenen Tür" einen ersten Eindruck von dem wiedereröffneten Heimatmuseum verschaffte. Man zählte innerhalb von 4 Stunden ca 1 800 Be­sucher. " Zitatende

 

Die Seele des Bert Grasmann jubelte und mit ihm freuten sich seine "guten Geister"!

 

Und es gab eine Steigerung: Die Wiedereröffnung des generalsanierten Heimatmuseums am Samstag, den 20. April 2002!  Und 3000 Besucher im Jahr 2002!

Die Ehrenbürgerschaft der Stadt Vilsbiburg wurde Lambert Grasmann 2003 verliehen. Sie ist eine öffentliche Anerkennung der Premiumklasse und bezieht in gewisser Weise seine Museumsmitarbeiter mit ein. Im Hoheitsbereich der Stadt gibt es dafür keine Steigerung mehr. Ich wage die Behauptung, es gibt sie doch!

Sie besteht in unserer aller Achtung und hohen Wertschätzung des Menschen

Lambert Grasmann als einer großen Persönlichkeit!

Sie besteht in der dankbaren und neidlosen Anerkennung all dessen, was Du

als Seele des Heimatvereins und Museums für die Gewinnung und den

Zusammenhalt Deiner Mitarbeiter und Freunde, für die Heimatforschung

geleistet hast!

Als Bürger meiner Heimatstadt und da bin ich mir der Zustimmung aller

Vilsbiburger sicher, die Dich und Deine Arbeit kennen, erlaube ich mir zu

sagen:

Du hast Dich um diese Stadt verdient gemacht!

Ich wünsche Dir persönlich von Herzen Alles Gute zum 70, ich wünsche Dir eine robuste Gesundheit, ich wünsche Dir Freude an allem Tun

für noch viele Jahre!

 

Ausgrabungen in einem alten Hafnerhaus in Kleinbettenrain, Gemeinde Kröning

In Kleinbettenrain steht ein altes Hafnerhaus (die ältesten Holzbalken weisen auf das Jahr 1665), das vom Freilichtmuseum Massing aufgekauft wurde und in den nächsten Jahren Stück für Stück dorthin versetzt wird.
Jeder Balken wurde vermessen und dokumentiert, aber im Gegensatz zu Häusern, die abgerissen werden, besteht hier die Möglichkeit, die Bodenbefunde genau zu untersuchen. Die Archäologin Dr. Cornelia Renner leitet die Grabungen, die seit 2003 laufen und die vom Museumsteam ausgeführt werden.
Es konnten schon einige schöne Befunde zutage gebracht werden, darunter eine sehr interessante viereckige gemauerte Tongrube, in der früher der Ton für den Winter gelagert wurde, die sich direkt über einer ungewöhnlichen ovalen Grube befand. Dies wird wohl – nach der Auswertung – eine der wenigen Gruben des Kröning sein, in der man eine zeitliche Abfolge klar erkennen und dadurch vielleicht auch die Keramik besser datieren kann.
Für das Museumsteam ist aber die zweite Scherbengrube viel erfreulicher, da es dort eine große Menge schöner blau, grün und braun glasierter Kröninger Ware, darunter auch viele intakte Gefäße, bergen konnte.

Aber nicht nur das, auch zwei Brennöfen aus verschiedenen Zeiten konnten bis jetzt entdeckt werden, was in diesem relativ kleinen Haus nicht erwartet wurde. Auch konnte festgestellt werden, daß es mehrere Bauphasen gab, nicht nur die, die durch die heute erhaltenen Mauern belegt werden können, sondern auch ältere. Erkennbar wird das durch die diversen Scherbengruben und einen Ofen, auf allen stehen nämlich die Mauern des heutigen Hauses.
Zu den interessantesten Funden gehören aber die drei Nachgeburtstöpfe, von denen zwei in der Stube und einer unter der Treppe gefunden wurden.

Dieser Brauch war schon im späten Mittelalter üblich und hielt sich vermutlich bis in die Neuzeit hinein. Die Nachgeburt eines Kindes zu vergraben brachte Glück und Gesundheit für den Nachwuchs, was in diesen schweren Zeiten wichtig war.
Die Grabungen werden Ende August abgeschlossen sein und sicher neue Erkenntnisse über das Kröning, seine Keramik und die Bauweise der Hafnerhäuser erbringen.
August 2004
Dr. Cornelia Renner
Roßweg 15
Lichtenhaag
84175 Gerzen
Tel. 08744/966830

Drei Rokokokirchen als Gesamtkunstwerk  Museum in Thal als Kontrastprogramm und gelungene Abrundung der Heimatfahrt.
Vilsbiburg. Natürlich kann man jederzeit eine Kirche besichti­gen, sich an deren Architektur, Schnitzereien und Stuekaturen er­freuen. Das wäre eine Möglichkeit. die auch meist nicht sehr viel Zeit in Anspruch nimmt. Die andere ist, sich in die Obhut einer versierten Führerin zu begeben, wie sie der Heimatverein hei seiner Exkursion ins Erdinger Land zu finden wusste. Da sitzt man schon eine Stunde in dem von überschäumendem Rokoko geprägten Gotteshaus und erkennt plötzlich Dinge, die man beim flüch­tigen Kundgang glatt übersehen hät­te,  besonders wenn eine Expertin wie Carmen Reinstädler die Aulgabe übernommen hat, drei Rokokokir­chen in ihrem direkten künstleri­schen Zusammenhang darzustellen. Am Beginn steht HÖrgersdorf, wo die Expositurkirche Sankt Bartho-lomäus malerisch auf einer kleinen Anhöhe gelegen ist. Hier ist schon im 14. Jahrhundert ein Gotteshaus erwähnt, wohl in gotischem Stil er­baut. Wie auch in Eschlbach wird die Kirche in der Zeit des Hochba­rock umgestaltet. Diese Ausstattung hat jedoch nicht lange Bestand; denn im Jahr 1745 zieht der in Alt fraunhofen geborene Max Ludwig Dapsal als Pfarrherr auf. Der hoch­gebildete und allem Neuen aufge­schlossene Geistliche holt Künstler wie don Landshuter Christian Jor-han ins Erdinger Holzland und ge­staltet die Andachtsorte in Hörgers-dorf und Eschlbach in den damals modernen Stil des Spätbarocks um. In der letzten Phase seines 42-jähri­gen Wirkens entsteht in Oppolding ein Neubau des Rokoko.

Natürlich fallen einem beim Be­treten der Kirche in Hörgersdorf so­fort der dreiteilige, durch marmo­rierte Säulen sowie ein geschwunge-. nes Gebälk konstruierte Hochaltar von Mathias Fackler und die vor­trefflichen Skulpturen von Chris­tian Jorhan auf. Im nächsten Mo­ment wird das Auge von der spätgo­tischen Marienfigur auf dem linken Scitenaltar angezogen, die von klei­nen Engeln aus Jorhans Werkstatt umflogen wird.

Aber wer findet ohne näheren Hinweis gegenüber innerhalb des prachtvoll imitierten Marmors ganz klein das israelitische Zeltlager am Berg Sinai, mit der lichten Wolke als gegenwärtigen Gottes darüber? Oder wer vermutet fast ein wenig versteckt das Allerheiligste des Tempels in Jerusalem mit der Bun
deslade und dem zerrissenen Vor­hang? Selbst scheinbar inhaltsfreie Ornamente bekommen nach den Hinweisen von Carmen Reinstädler plötzlich ihren Sinn in der Gesamt­komposition. Ebenso ist es in der Pfarrkirche-von Eschlbach, wo der Hochaltar als baldachinartiges Ro-caillegebilde an der Rückwand schwebt und ein Tabernakelaltar mit zehn, in „freiem Durcheinan­der" angeordneten salomonischen Säulen davor steht. Hier wird die Asymmetrie des Rokoko auf die Spitze getrieben.

Die Endphase dieser relativ kur­zen Stilrichtung atmet die Filialkir­che in Oppolding. Pfarrer Dapsal hat in seinem Testament beklagt er habe nicht mehr alles so vollenden können, wie von ihm geplant. In der Tat wirft im Hochaltar schon der Klassizismus seine Schatten voraus. Die Kanzel stößt noch einmal alles Geordnete für einen großen Schluss­punkt des Aufschäumens von Stuck über Bord. Und doch wirkt das Kunstwerk irgendwie unfertig; es steht am Ende des 18. Jahrhunderts bereits die Säkularisation vor der Tür.
 
Wie Baustile oft trefflich zusammenpassen: In Hörgersdorf hat Christian Jorhan eine gotische Madonna aus der Vorgängerkirche in den Seitenaltar integriert.
 
Nach einer erholsamen Kaffeepause bot die von Franz Grotzinger geleitete Fahrt ein totales Kontrastprogramm.

In Thal, unweit von Taufkirchen, haben die Oldtimerfreunde Kirchberg in einem gewalti­gen ehrenamtlichen Kraftakt einen denkmalgeschützten Bauernhof, der anderswo wegen Baufälligkeit abge­brochen werden musste, detailge­treu rekonstruiert. In der Mitte des Hofes stehen ein staatlicher Taubenkobel und darunter ein historischer Wassergrand aus dem 16. Jahrhun­dert. Relativ neu sind der  7 Meter hohe Windbrunnen und ein Widder, der ohne fremde Energie das Wasser in erstaunliche Höhen pumpt. Im nahen Irlach wurde ein Backofen abgetragen und funktionsfähig wie­der aufgebaut und gerade ist man dabei, aus original nachgeformten Steinen eine gotische Kapelle zu er­richten. Im Inneren beherbergen die Gebäude interessante Ausstellun­gen.

 
Ein Museum in dem alles wächst: Restaunen löste der schöne Bauerngarten in Thal aus.
 
 
Insgesamt ist es dem Heimat­verein wieder einmal gelungen, eine Exkursion anzubieten, bei der auch versteckte Kostbarkeiten sichtbar gemacht werden. Ein in kurzer Zeit ausverkaufter Bus beweist die Be­liebtheit dieser Art von Heimatkun­de und viele Teilnehmer kündigten an, im nächsten Jahr bestimmt wie­der dabei sein zu wollen.

Peter Barteit

Aus der Vilsbuburger Zeitung vom 21. Oktober  2009 

Marquard von Wippstetten: Eine historische Nennung mit dem
Ortsnamen Wippstetten.

Zur derzeit ältesten Nennung einer Person- und Ortsnamensnennung mit Bezug auf den Ort Wippstetten in der Gemeinde Kröning gehört eine Aufschreibung aus den Jahren 1150/70, einer so genannten Tradition des Prämonstratenser-Klosters Windberg, im Landkreis Straubing-Bogen. In der Handschriftenabteilung der Münchner Staatsbibliothek befindet sich diese vor etwa 850 Jahren gefertigte Aufschreibungen, dem Codex Windbergensia. Der Codex des Klosters bringt schon in der Mitte des 12. Jahrhunderts weitere interessante Namens- und Ortsnennungen aus unserer Gegend.

 

Noch bevor Pfalzgraf Otto von Wittelsbach das bayerische Stammherzogtum am 16. September 1180 von Kaiser Friedrich Barbarossa als Stiftungslehen erhält, werden in den klösterlichen Aufschreibungen, den so genannten Traditionen des Stiftes Windberg, einige uns gut bekannte Orts- und Weilernamen, aber auch die Namen der Amtsleute des Klosters und der Herrschaft genannt. .

Mit der Christianisierung im 7. und 8. Jahrhundert kam es zur Entstehung der Schriftkultur. Die in den kirchlichen Schreibstuben gepflegte Kunst des Schreibens berichtet seit dieser Zeit von Besitzveränderungen, von Lehen und Schenkungen in zahlreichen Traditionsbüchern. Diese Bezeichnung leitet sich vom Lateinischen „tradere“ (= übergeben) ab. Die Schrift war zum unverzichtbaren Zeugnis geworden: Es finden sich im Schriftmaterial zahlreiche Personen und Geschlechter. Als tradierte Personen treten Freie und Unfreie auf. Erstere unterscheiden sich von den Unfreien durch ihre Geschäftsfähigkeit.

Der Rechtsinhalt einer Übertragung von Stiftungen, Gütern aber auch Leibeigenen, wird in einem Traditionsbuch niedergeschrieben. Diese Aufschreibung ist nicht im Sinne einer Urkunde mit einer Petschaft oder den anhaftenden Siegeln zu sehen, es sind fortlaufend geführte Eintragungen, in der Regel ohne Jahresangaben. Die darin befindlichen Nennungen sind vor allem als juristische Akte der „Auflassung“ festgehalten worden, also des Übergangs des Eigentums, durch jenes „tradere“, „delegare“, das für die Quellengattung namensgebend wirkte. Dies hat nichts zu tun mit der „Tradition“, worunter wir heute „Überlieferung“ ganz allgemein verstehen. Die Arten des jeweiligen Rechtsgeschäftes, Schenkungen, Kauf und Tausch können nicht immer exakt ausgemacht werden, da nur die jeweiligen Umstände genannt sind. Auffallenderweise wird, wie in dieser genannten Hof-Übereignung der Gegenleistungsbetrag in „talentis“ (= Talente) gemessen, während auch Geldbeträge in „denari“ und „solidi“ gerechnet werden.

Um das Jahr 1150 werden in dieser Aufschreibung, den Traditionen des Klosters Windberg an der Donau, dem „Codex Windbergensia“ Vor- und Ortsnamen genannt die einen realen Bezug zum Gebiet zwischen Isar, Vils, Bina und Rott herstellten: Konrad von Frauensattling, Perthold und Marquard von Seyboldsdorf, Wernhard von Gaindorf, Dietrich von Reisbach, Marquard und Wernhard von Haarbach, und auch ein Marquard von Wippstetten ist genannt. In der Originalaufzeichnung steht die Namensgebung „Marquradus de wipstetin“. Die Präposition „… de wipstetin“ kann als „… von Wippstetten“ gelesen werden.

Die Aufschreibung ist in Latein verfasst und berichtet in der Übersetzung von Dr. Albert Stieß: „Herr Wernhard von Haarbach und seine Gattin Berta, ebenso die zwei Söhne Konrad und Ulrich, haben dem Kloster Windberg ihr Landgut Graefing in der Herrschaft des Pienkofen für 60 Talente verkauft. Sie baten ihren Salmann (= Treuhänder) Herrn Berthold von Seyboldsdorf um die Übergabe des Gutes in die Hände des Herrn Altmann von Winzer zur Weitergabe, wo immer der Abt von Windberg oder der Konvent darum gebeten hatte. Zeugen dieser Aktion sind: Berthold von Seyboldsdorf, Altmann von Winzer, Konrad von Frauensattling, Marquard von Wippstetten, Wernhard und Reinpert von Gaindorf, Marquard von Seyboldsdorf, Karl von Rettenbach, Meingoz, Gerold, Engelbert und Wergangus von Angelsberg (bei Feichten, Neumarkt St. Veit), Ulrich von Wörnstorf (bei Geisenhausen), Marquard von Haarbach, Friedrich, Dietrich von Reisbach, Gotschalk von Leonberg (bei Neumarkt St. Veit), Otto smotzelare, Roger, Rupert von Bornkofen und Arnold von Windberg.“

Genannt wird hier das Landgut des Edlen Wernhard von Haarbach im Herrschaftsbereich des Pienkofer, wessen Name genannt ist nach dem Ort Pinkofen, Markt Schierling, Landkreis Regensburg. Die Pinkofer waren die Vögte, die weltlichen Verwalter des Regensburger Hochstiftbesitzes in Eberspoint bei Velden, wobei dieses Grafing oder Gräfing schon auch in unserer Umgebung zu suchen wäre. Berthold von Seyboldsdorf als Verhandler und Treuhänder, hat von Wernhard von Haarbach den Auftrag erhalten ein Rechtgeschäft über einen Hofverkauf mit dem Konvent Windberg zu tätigen. Zu Anfang der Aufschreibung werden die Verhandler der Übereignung genannt: Der Vermittler, Treuhänder oder Salmann dieser Hof-Übergabe war Berthold von Seyboldsdorf. Von Seiten des Käufers regelt die Übereignung der Dienstmann Altmann von Winzer. Die nachgenannte Zeugenreihe ist in der Regel nach der Rangordnung bemessen. Hier erscheint nach den schon genannten Salmännern Perhtold de Sibolstorf und Altmanus de Winzir, an zweiter Stelle unser Marquardus de Wipstetin. Und damit gehört Marquard von Wippstetten zu den vornehmsten Dienstgenossen der „familia“, der herrschaftlichen Familie der Edlen und Freien von Haarbach. Die in der Windberger Tradition genannte Berta, die Gattin des Wernhard von Haarbach, war die Tochter des Roninger Grafen Konrad II. (1143-71, Graf von Roning). Mit der Heirat Wernhards (III). von Haarbach, gründeten sie mit ihren Söhnen Konrad und Ulrich eine Haarbacher-Stammeslinie an der Vils bis zu ihrem Aussterben im 13. Jahrhundert. Die Haarbacher zu Haarbach bei Vilsbiburg werden schon zu Ende des 10. Jahrhunderts als Vögte und somit Verwalter des Besitzes der ausgestorbenen Grafen von Geisenhausen genannt. Der Geisenhausener Besitz ging durch das Testament des letzten Grafen Heinrich, welcher Bischof von Augsburg war, im Jahr 980 an das Augsburger Domstift, welches in unserer Gegend an die 158 Höfe als ihr Eigen nennen konnte. Marquard von Wippstetten war Dienstmann der Edlen von Haarbach und saß vermutlich auf einem Hof des Domstiftes Augsburg.

Die Originalnotiz, der Tradition aus dem Codex Windbergensia befindet sich in der Handschriftenabteilung der Bayerischen Staatsbibliothek in München, mit der Signatur: clm 22204, fol 228`.

 
Peter Käser

 

Quellen:

> Kopie der Traditionsnennung: Handschriftenabteilung der Bayerischen Staatsbibliothek in München, mit der Signatur: clm 22204, fol 228` Codex Windbergensia.

> Benedikt Braunmüller: die Traditionen des Klosters Windberg, in: Verhandlungen des Historischen Vereins für Niederbayern, Band.23. Seite159, Nr. XLI, – Monumenta Windbergensia.

Diese Fibel wurde um 1910 von einem Restaurator in Holzhausen an der Pfarrkirche gefunden. Sie stammt aus der Latènezeit, etwa 500 Jahre vor Christi Geburt. 
Eine alte Erfindung wird auch heute – fast 160 Jahre nach ihrer Entdeckung – noch immer häufig benutzt: die Sicherheitsnadel. Die erste Nadel stammt allerdings nicht von Walter Hunt aus New York aus dem Jahr 1849 nach Chr., der als Erfinder der Sicherheitsnadel gilt, sondern aus der Bronzezeit, d.h. in etwa aus dem 18. Jahrhundert vor Chr. Damals wurde aus dem ersten gussfähigen Metall, der Bronze (einer Legierung aus Zinn und Kupfer), eine Nadel entwickelt, die auf der Schauseite mit Spiralen oder großen Platten verziert war und nicht nur die Kleidung zusammenhalten sollte, sondern auch dem Schmuck und der Tracht zuzuordnen ist.

Grundsätzlich besteht eine Fibel aus einem Kopf, dort sitzt die Spirale, einem Bügel, der normalerweise auf unterschiedlichste Art verziert ist, und einer Nadel mit Nadelhalter. Dieser befindet sich am Fuß der Fibel. Alles entspricht einer Sicherheitsnadel. Früher nahm man an, dass der Fuß einer Fibel nach unten zu zeigen hatte, inzwischen wurde aber durch Grabungen und Grabfunde belegt, bei denen die ursprüngliche Lage des Schmuckes zu beobachten war, dass der Fuß nach oben wies und der Kopf nach unten. Oft wurden Fibeln paarweise getragen, manchmal waren sie sogar mit einer Kette verbunden. Aber auch einzelne prachtvolle Exemplare sind auf uns gekommen. Merkwürdig erscheint uns heute die Tatsache, dass die Fibeln nicht nur von Frauen, sondern auch von Männern getragen wurden. Ein gutes Beispiel hierfür sind die „Soldatenfibeln“, die von und mit den Römern zu uns kamen und von jedem Soldaten getragen wurden.

Nach den Fibeln der Bronze- und Urnenfelderzeit, die durch ihre Größe auffallen, wurde es modern, diesen Schmuck etwas zierlicher zu formen: Nun erscheint u. a. die Schlangenfibel, die wegen des stark gebogenen Bügels so genannt wurde. Auch etwas später, am Anfang der Latènezeit, um etwa 500 v. Chr., kommen sogenannte Paukenfibeln auf, die sich mit einer Halbkugel auf dem Bügel auszeichnen. Die Fibeln der Latènezeit kann man sehr gut datieren, da sie erst eine einfache Form aufweisen, dann aber langsam der Fuß Richtung Bügel nach oben geformt wird und zuletzt Fuß und Bügel zu einem Ganzen werden.

Die Römer führten neue Arten von Fibeln ein, z. B. emaillierte oder solche, die einen Knopf auf dem Bügel zeigen. Die Fibelform veränderte sich im Laufe der Zeit soweit, dass sich Kopfplatten herausbildeten. Dies sind die ersten Vorläufer dieses völkerwanderungszeitlichen Schmucks, bei dem aber auch Steineinlagen und Tierformen modern sind. Am Ende der Reihe der Fibeln stehen in unserem Gebiet große und prunkvolle Arten mit Kopfplatte, dickem Bügel und z.T. geformtem Fuß. Hier kommen wir zeitlich zum Übergang vom Heiden- zum Christentum. Dieser Umbruch wird dadurch belegt, dass es zum einen Fibeln gibt, die auf der flach gearbeiteten Rückseite eine christliche Inschrift zeigen. Die Änderung der Grabsitte, d.h. christliche Nachkommen legten ihren toten Verwandten keine Beigaben mehr in die Gräber, führte dazu, dass langsam nur noch wenige Fibeln auf uns gekommen sind. Bekannt sind noch die wikingerzeitlichen Schmuckstücke mit ineinander verschlungenen Tieren, die sich in den Gräber der Heiden fanden.

Die abgebildete Fibel wurde um 1910 in Holzhausen an der Pfarrkirche gefunden. Der Kirchenmaler Max Leser aus München konnte sie bei einer Kirchenrenovierung bergen, unter welchen Umständen ist leider unbekannt. Ins Museum kam sie durch eine Schenkung von Gundelinde Girnghuber, geb. Leser aus Vilsbiburg (Inv. Nr. 790905). Sie hat eine Länge von 8 cm und besitzt sechs Spiralen. Die Spiralen und die Nadel bestehen aus einem relativ dicken Draht. Der Bügel zeichnet sich durch drei Reihen von je fünf Noppen aus, die z.T. noch eine kleine Delle tragen. Der Bügel formt sich dann zum Nadelhalter und anschließend zu einer runden Scheibe, die sich an den Bügel schmiegt. Die Einlagen der Scheibe sind leider verloren, meist handelte es sich um Koralle oder Bernstein, wobei man nicht an den heute verkauften Bernstein denken sollte, der gelb bis orange durchsichtig schimmert, sondern an ungeschliffenen Bernstein, der meist eine rote Farbe aufweist. Diese Fibel wurde von Frauen getragen, kam aber überwiegend paarweise auf. Sie datiert sich in die Latènezeit, Latène B, in die Zeit der keltischen Wanderungen.

Wer Interesse an solchen Stücken hat, sollte ins Heimatmuseum Vilsbiburg gehen, in der Abteilung für Vor- und Frühgeschichte finden sich auch andere bemerkenswerte Funde.

Dr.Cornelia Renner
 

Laurent Chatrian – Ein emigrierter Priester der Französischen Revolution findet Aufnahme in Vilsbiburg.
Vilsbiburg. Durch die Wirren der Französischen Revolution wurde auch die alte Ordnung der Katholischen Kirche Frankreichs gänzlich zerstört. Eine der Auswirkungen war, dass neben Adeligen und Bürgerlichen, Soldaten und Beamten, auch Priester, Bischöfe und Ordensleute zur Emigration gedrängt, aber auch gezwungen wurden. Die Zahl der Auswanderer erreichte fast die der in der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts aus Frankreich vertriebenen Hugenotten. So sind ab 1789 französische Emigranten fast in allen Ländern Europas, ja sogar in Übersee zu finden.

Der vordergründige Anlass zur Emigration war der Zwang zur Vereidigung des französischen Klerus auf die Zivilkonstitution vom 12. Juli 1790, deren Annahme nach den päpstlichen Entscheidungen von 1791 für Katholiken mit der Strafe der Exkommunikation verboten war. Da aber die kirchliche Entscheidung zu lange auf sich warten ließ, hatte ein Teil des niederen Klerus bereits den so genannten Zivileid auf die neuen Machthaber in Frankreich geleistet. Andere wiederum, die „Eidverweigerer“, fielen unter die Deportationsgesetze, was den sofortigen Landesverweis zur Folge hatte. Dieses Los traf dann letztendlich auch jene Geistlichen, die bereits den Zivileid abgelegt hatten.

 

Als eine der aufnehmenden Staaten kamen unter anderem das Kurfürstentum Bayern sowie die geistlichen Fürstentümer Freising, Passau und Regensburg in Frage. Kurfürst Karl Theodor sah dieser Entwicklung mit großem Misstrauen entgegen, befürchtete er doch, dass umstürzlerisches Gedankengut durch die Emigranten eingeschleust werden könnte. So ging er schon 1789 mit Verordnungen gegen das „Unwesen fremder Emissäre“ vor, verbot ketzerische Flugschriften und unterband den Briefwechsel Einheimischer mit Franzosen. 1792 wurden weitere Verschärfungen in Kraft gesetzt; der Kurfürst erhöhte den Polizeietat, um mehr Beamte und Spitzel einzustellen. Ein weiteres Dilemma für den Landesherrn zeigte sich mit der zu dieser Zeit gepflogenen Außenpolitik mit Frankreich, die eigentlich eine Ausweisung der Emigranten aus Bayern vorgesehen hätte, was der Kurfürst jedoch verweigerte. Karl Theodor verbot aber den Zugewanderten jede politische und öffentliche Tätigkeit. Als unpolitische Privatpersonen mussten sie ein ruhiges und unverdächtiges Leben im Exil führen.

 

Wilhelm Wührs Abhandlung zu den Emigranten der Französischen Revolution im bayerischen und fränkischen Kreis (1938) hat die Kommission für Bayerische Landesgeschichte 1974 neu aufgelegt. In einschlägigen Archiven hatte er über 4000 Namen dieses Personenkreises ermittelt und nach ihren neuen Wirkungsorten und Bleibezeiten in Bayern aufgelistet. Dabei sind ab 1794 für unsere Region als Aufenthaltsorte französischer Priester, die Namen sind bekannt, die Pfarreien Binabiburg (1794–1798, 1801), Frontenhausen (1794,1796-1798), Treidlkofen (1794/95), Bonbruck (1795), Gerzen (1794/95, 1797, 1799), Filiale Wippstetten (1798/99), Reichlkofen (1798), Geisenhausen (1794, 1797, 1799) und Loizenkirchen (1797) erwähnt. Ein Beispiel: Pfarrer Nikolaus Corringer aus Biberkirch in der Diözese Metz hatte es mit seinem Domizil beim Pfarrer von Treidlkofen gar nicht gut getroffen. Nachdem er vom dortigen Pfarrer geschlagen und nachts vertrieben worden war, hatte er es dort „nimmer ausgehalten“. In Binabiburg fand er 1795, in Vilsbiburg dann 1797 Aufnahme.

 

Unter der Nummer 921 erscheint Laurent Chatrian, Pfarrer zu St. Clément in der Diözese Nancy, der am 29. September 1794 von der bayerischen Regierung eine Aufenthaltserlaubnis für Vilsbiburg erhielt. Auf seine Person aufmerksam gemacht hat ein im Jahr 2003 in der französischen Zeitschrift „Le Pays Lorrain“ erschienener Artikel mit dem Thema „Abbé Chatrian : chroniquer de l’emigration“. Vor dem Erscheinen hatte der Herausgeber aus Lunéville bei der Stadtverwaltung Vilsbiburg um eine historische Ansicht unseres Ortes gebeten, worauf dann der Kupferstich von Michael Wening benutzt wurde. Chatrian wurde 1732 in Lunéville/Lothringen geboren. 1756 zum Priester geweiht, versah er in den folgenden Jahrzehnten den Dienst in mehreren Pfarrstellen der Region. Er wurde bekannt als Verfasser zeitgenössischer und biographischer Werke über das Leben in den Gemeinden Lothringens. 1791 forderte man ihn auf, die neue französische Verfassung anzuerkennen. Er lehnte diese jedoch als „heidnisch“ ab, was die Enthebung von seinen geistlichen Ämtern und 1792 die Deportation zur Folge hatte. Chatrian begab sich zunächst ins Exil nach Trier, wo er auf weitere Priesterkollegen stieß, die dort das Hauptzentrum der lothringischen Kirche bildeten. Über Köln (dort als Spion verhaftet, nach zwei Stunden wieder entlassen), Frankfurt, Bamberg, Augsburg und München traf er am 2. Oktober 1794 in Vilsbiburg ein, wo er zunächst bei unserer Wallfahrtskirche Maria Hilf als Votivpriester sein Auskommen fand.

 

Das größte Problem für die Emigrantenpriester war, dass sie ohne Vermögen und mit nur kleinem Gepäck aus Frankreich ausreisen mussten. So waren sie für Ihre Priesterdienste aus Einkünften von Meßstipendien angewiesen, die sie vor allem an Wallfahrtsorten wie Vilsbiburg, Wippstetten und St. Salvator Binabiburg in Anspruch nehmen konnten. Damit war die Quartier- und Verpflegungsfrage leichter gelöst. Leider sind Nachrichten über den Aufenthalt Chatrians in Vilsbiburg nur spärlich, wirkte er hier immerhin über sieben Jahre. Wie die Marktkammer-Rechnung berichtet, logierte er im Gasthof zur Post (Urban) am Stadtplatz, nach der Posthalter Anton Faistenhammer 1795 und 1796 „wegen dem emigrierten Priester“ für „Bett- und Zinsgeld“ 24 Gulden aus der Marktkasse erhielt. Für die Jahre von 1797 und 1798 (weitere Jahrgänge fehlen im Bestand) bewilligte der Amtskammerer (Bürgermeister) Ignaz Präntl für die „Haltung der täglichen halbe 10 Uhr Messe“ in der Heilig-Geist-Spitalkirche, dann für „Herberg-Zins, Bett- und Auswartgeld“ jeweils 16 Gulden. Den Ausgabebeleg quittierte Laurent Chatrian mit eigenhändiger Unterschrift, seinem Siegel und dem Zusatz „Votiva Francisci á Vilsbiburg“. 1799 händigte man „dem emigrierten frantzösischen Priester Herrn Laurenzius Schaberion zum Wohnungsbeitrag“ 16 Gulden aus und überließ ihm neben zwei Klaftern Brennholz auch zwei Klafter Wied (Reisigholz) im Wert von 34 Kreuzern.

 

Ab Herbst 1798 verschlechterte sich die Situation für die emigrierten französischen Priester im Kurfürstentum Bayern dramatisch. Ausschlaggebend war weiterhin die Angst im Land vor der Verbreitung revolutionären Gedankengutes. Am 8. Oktober 1798 wurde von der bayerischen Regierung per Dekret die Vertreibung der Ausländer bekannt gegeben. Danach sollten die sich in München aufhaltenden Franzosen innerhalb zwei Wochen, die auf dem Land wohnenden innerhalb von vier Wochen abreisen. Doch scheint die Anordnung nicht allzu streng gehandhabt worden zu sein. 1799 befanden sich immerhin noch 340 französische Priester auf kurfürstlichem Boden. Der neue Kurfürst Max Josef verschärfte noch einmal mit Verordnung vom 29. April 1800 die Lage, wonach zum Beispiel die in München sich aufhaltenden Priester innerhalb von 24 Stunden die Stadt zu verlassen hätten.

 

Inzwischen hatte Napoleon die Notwenigkeit erkannt, den Religionsfrieden in Frankreich wieder herzustellen. Mit Papst Pius VII. schloss der Konsul am 15. Juli 1801 das „französische Konkordat“, was die Neuordnung der Katholischen Kirche Frankreichs zur Folge hatte und damit die Rückkehr der emigrierten französischen Priester, ohne Repressalien zu befürchten, ermöglichte. Die Rückreise Laurent Chatrians nach Frankreich erfolgte mit anderen Priesterkollegen im Jahr 1802, wo er am 10. Mai in Lunéville ankam. Aufgrund seines Alters lehnte er ein angebotenes höheres Amt in der Kirche ab, er widmete sich weiter seinen schon vor der Revolution begonnenen Memoiren. Im Alter von 82 Jahren starb er am 24. August 1814.                                    
Lambert Grasmann

900 Jahre Heiliger Benno – Heiliger in Sachsen und Bayern

Eine Statue in der Pfarrkirche Binabiburg erinnert an den Heiligen

Am 16. Juni 1106 starb Bischof Benno von Meißen. 40 Jahre lang war er als zehnter Oberhirte seinem sächsischen Bistum vorgestanden. In den schweren Auseinandersetzungen seiner Zeit zwischen Papst und Kaiser hatte er sich für eine friedliche Beilegung eingesetzt. Besondere Verdienste hatte er sich um die Mission der slawischen Bevölkerung erworben. Bald nach seinem Tod wird er als Heiliger verehrt.
Die Einführung der Reformation in Sachsen hatte die Zerstörung des Benno-Grabes zur Folge. Seine Reliquien konnten jedoch rechtzeitig in Sicherheit gebracht werden. Die heimliche Rettung der Gebeine durch Herzog Albrecht V. nach München im Jahr 1576 wurde als Sieg im Glaubenskampf gewertet und als persönlicher Triumph des Hauses Wittelsbach gefeiert. In einer feierlichen Prozession wurden die Gebeine Bennos am Isartor empfangen und in die Herzogspitalkirche gebracht. Alle Glocken Münchens läuteten, der Klerus und die Vertreter der Stadt waren zugegen. Ein eigener Torbogen aus Stein war an der Isarbrücke errichtet worden, der bis 1797 als „der rothe Turm“ bekannt war. Das Heiligtum wurde zunächst als fürstliches Eigentum in der Hofkapelle aufbewahrt und erst 1580 auf Bitten der Geistlichkeit zur öffentlichen Verehrung in die Münchner Frauenkirche übertragen. 1604 war die Erhebung des heiligen Benno zum Stadt- und Landespatron. Schon bald wuchs die Popularität. Zu dieser Volkstümlichkeit des sächsischen Bischofs hatte vor allem das seit 1598, häufiger von den Jesuiten aufgeführte Drama „Benno“ beigetragen, das vom Leben und Schicksal des Heiligen handelte. 1601 wurden die Reliquien im Schausockel einer kostbaren Silberbüste des Heiligen deponiert. Der Ruf des wunderkräftigen Heiligtums verbreitete sich bald im ganzen Land und löste einen ungeheueren Zustrom von Wallfahrten aus, deren Votivgaben und Geldspenden die Opferstöcke reichlich füllten. Noch im Juni des Jahres 1603 wurde mit dem Bau einer Benno-Sakristei begonnen, und 1604 konnte nach dem Entwurf von Hans Krumper der Benno-Bogen errichtet werden. Er schmückte den Münchner Dom bis 1858. Neben der Schmerzensmutter in der Herzogspitalkirche waren der Benno-Altar in der Frauenkirche die berühmtesten Gnadenstätten Münchens. Am 31. Mai 1603 wurde in München die Bennobruderschaft zur Unterstützung verarmter Bürger und Handwerker gegründet. Bereits in diesem Jahr kamen 80 auswärtige Pfarreien in Prozessionen zum Heiligen. Ursachen für die Wallfahrten waren oft das Verlöbnis wegen innerer Krankheiten und rheumatischen Leiden. In zahlreichen bayerischen Kirchen findet sich sein Bild – als Bischof mit den Attributen Fisch und Schlüssel.

Die unmittelbare Nähe zur Freisinger Bistumsgrenze brachte vermutlich den München/Freisinger Bistumsheiligen Benno in die Binabiburger Pfarrkirche. Hier befinden sich im Presbyterium auf der linken Seite erhöht, die Figur des heiligen Benno und rechts des Regensburger Bistumsheiligen Wolfgang. Als Allianzfiguren waren Benno und Wolfgang bis nach dem großen Brand von Binabiburg vom 7. Mai 1901, die Hauptfiguren auf dem barocken Hochaltar. Nach dem Brand wurde die stark verrußte und beschädigte Kirche renoviert. Pfarrer Joseph Rettenbeck hatte einen neuen neugotischen Hochaltar vom Landshuter Kunstschreiner Reichwein im Jahr 1903 angeschafft. Dieser Altar passte jedoch nicht so recht in die eigentliche barocke Altarkomposition mit den Nebenaltären und wurde stückweise abgetragen. Der barocke Stiftungs-Kreuzaltar – der hl. Dorothea geweiht – mit der Bild-Darstellung „Beweinung Christi“, fungiert seit der Renovierung 1974 als Hochaltar. Benno und Sankt Wolfgang kamen in die Muschelnische im südlichen Kirchenschiff, wo dieser Kreuzaltar stand. Bei der Renovierung im Jahr 2000 wurde die Altar-Muschel zugemauert, Benno und Wolfgang kamen in das Presbyterium.
250 Jahre sind die beiden Holzfiguren alt. Pfarrer Fr. Andreas Hözendofer stattete die Binabiburger Kirche 1757 mit einem neuen Hochaltar aus. Zwei neue Statuen – Wolfgang und Benno – kamen vom Vilsbiburger Bildhauer Wagner, welcher dafür den Lohn von 61 Gulden 30 Kreuzer erhält.
Die Beliebtheit des heiligen Benno als Bayernpatron kommt zum Ausdruck in seiner liturgischen Vorrangstellung, in vielen Abbildungen und Figuren in bayerischen Kirchen und Kapellen und schließlich auch in dem alljährlich in München feierlich begangenen Bennofest. Die Figur des heiligen Benno mit Mitra und Bischofsstab in der Kirche Binabiburg, hat außer dem in der linken Hand haltendem Buch keine Attribut mehr, Schlüssel und Fisch sind leider abhanden gekommen.
Peter Käser