Dietelskirchen

ein seltenes Beispiel kirchlichen Jugendstils

  • Am Tag des offenen Denkmals werden vor allem solche Objekte vorgeführt, die normalerweise verschlossen sind. Doch Ausnahmen bestätigen die Regel – wie an der Kirche in Dietelskirchen zu sehen ist; sie ist das Jahr über eigentlich immer zugänglich. Der Grund warum wir diesem Bau diese hohe Aufmerksamkeit zollen – er ist in einem für Kirchen seltenen Baustil errichtet – dem Jugendstil und setzt damit eigene Akzente.
  • Der Tag des offenen Denkmals nimmt inzwischen einen festen Platz im Kalender mit den wichtigen Kulturereignisssen ein. Seit 1993 ist der von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz koordinierte Tag der deutsche Beitrag zu den europäischen Denkmalschutztagen, die jedes Jahr im September stattfinden. Der Spannbogen reicht von Zeugnissen der Vor- und Frühgeschichte bis zu Schleusen und Fabrikanlagen, also Industriedenkmälern.
  •  Vorgängerbau die Pfarrkirche St. Ulrich.
  • Der Standort der 1922 abgebrochenen Kirche befand sich in der Vilsniederung. 1921 wurde sie noch von Dr. Anton Eckart im Kunstdenkmälerband Bezirksamt Vilsbiburg inventarisiert und beschrieben und dort datiert in das späte 13. Jahrhundert. Der Bau war eine der ältesten Kirchen im Landkreis, Anbauten stammten aus der 2. Hälfte des 17. Jh. Datierungen von 1660 und 1678 befanden sich am Langhaus.
  • Kurze Beschreibung der Inneneinrichtung
  • Der Altarraum befand sich im Erdgeschoß des Kirchturms, dort und im Langhaus wiesen die Flachdecken Stuckierungen auf. Die Stuckaturen stammten aus dem 17. Jh. und waren teilweise bemalt. Über dem Chorbogen befand sich ein stuckierter Vorhang mit einem Medaillon, gehalten von zwei Engeln. Den Chor zierte ein Deckengemälde mit Szenen aus dem Leben des Hl.Ulrich. Die Einrichtung gehörte dem Barock- und Rokokostil an.
  • Nachdem der Abbruch der Ulrich-Kirche beschlossene Sache war, gab es mehrere Anfragen und Bewerbungen zum Erwerb der Einrichtung, so vom Kapuziner-Konvent in Altötting für eine neu erbaute Kirche in München, sowie von der Gefangenenanstalt in Bayreuth. Die Einrichtung ging letztendlich aber dann mit Genehmigung des Ordinariats und des Landesamtes für Denkmalpflege nach Bernried, Pfarrei Stamsried bei Kötzting.
  • Die Abbruchgenehmigung der Regierung von Niederbayern datiert vom19.7.1921. Im März 1922 war das Langhaus bereits niedergelegt. Da an der neu erbauten Kirche eine neue Friedhofsmauer angelegt werden sollte, erhoffte man sich vom Abbruch der alten Kirche passendes Material. Die Ziegelsteine stellten sich jedoch als unbrauchbar heraus. Die Mauern waren doppelschalig und mit Erde verfüllt, die Ziegelsteine also wahrscheinlich ziemlich morsch. Der alleinstehende Turm wurde dann ebenfalls abgebrochen. Zuvor waren allerdings noch Diskussionen um den ErhaIt entstanden. Die Pfarrgemeinde sah sich jedoch außerstande, für den Bestand des Turms aufzukommen. Im November 1922 war vom alten Kirchenbau nichts mehr vorhanden. Der Wunsch des bischöflichen Ordinariats, dass an Stelle der alten Kirche wenigstens ein Erinnerungskreuz errichtet werden sollte, unterblieb.
  • Von der inzwischen eingelagerten alten Inneneinrichtung wurden ein Rokokotabernakel, der Hochaltar mit vier Figuren, so die Heiligen Florian, Ulrich, Johannes Evangelist und Leonhard, dann zwei Seitenaltäre mit den Figuren der Heiligen Joachim und Anna nach Bernried abgegeben. Dazu kamen noch die Kanzel, ein Beichtstuhl – der befand sich im Unterbau der Kanzel – und 14 Kreuzwegstationen, die vom Landesamt für Denkmalpflege mit „bäuerlich, derb aber originell“ bewertet wurden. 3000 Mark Gegenleistung forderte die Pfarrei Dietelskirchen für die angefallenen Unkosten.
  • Ein zeitgenössischer Bericht im Vilsbiburger Anzeiger nennt als Grund für den Abbruch und den Neubau, dass das unansehnliche Ulrichskirchlein längst baufällig und für die Pfarrgemeinde zu klein sei

Bild von der Website „Unse Vilstal“

Die heutige Pfarrkirche

Das Saalbuch der Pfarrei von 1912 nennt den damaligen Pfarrer Josef Huber als den eigentlichen Betreiber einer neuen Kirche. Zur Finanzierung des Neubaus hatten jedoch entscheidend seine Vorgänger im Amt Pfarrer Georg Brunner und Benedikt Kummer beigetragen. Der Neubau war auch nur deshalb möglich, weil die gesamte Pfarrgemeinde eine hohe Bereitschaft zu Eigenleistungen mit Hand- und Spanndiensten zeigte. Weiter beteiligten sich daran auch umliegende Pfarreien.

Die Planung

ist ein Werk des renommierten Architekten Josef Elsner jun. aus München. Als Sohn des gleichnamigen Architekten am 26. März 1879 in München geboren, heiratete er 1905 die Passauerin Olga Späth.

Von ihm stammen weitere Entwürfe so für die Neubauten der Kirchen in Maisach (1909), Seeshaupt (1913) sowie in Schönberg bei Neumarkt St. Veit und die Um- und Erweiterungsbauten der Kirchen in Lichtenhaag und Treidlkofen. Bei der Grundsteinlegung am 28. Mai 1912 wurde feierlich die dabei übliche Urkunde eingelegt. In dem Schriftstück befindet sich allerdings ein Vermerk, daß das „alte Ulrichskirchlein aus historischen Gründen zu erhalten“ sei.

Im Turmknauf auf der Turmkuppel wurde von dem seit dem 12. Februar 1912 amtierenden Pfarrer Huber eine Nachricht eingelegt –

sie nennt neben den Handwerkern auch den nimmermüden Organisator für die Eigenleistungen, den Kirchenpfleger Johann Liebl, Söldner von Dietrichstetten. Weiter heißt es in der eingelegten Urkunde,

dass das Werk unter der weisen und väterlichen Regierung Sr. Kgl. Hoheit des Prinzregenten Luitpold und unter dem segensreichen, gottbegnadeten Episkopate Sr. Excellenz, des Hochw. Herrn Bischof Dr. Antonius von Henle, Reichsrat der Krone Bayerns und dem glorreichen Pontifikate Sr. Heiligkeit des eucharistischen Papstes Pius X. entstanden sei.

In dem eingelegten Schriftstück verwies Pfarrer Huber weiter auf einen bereits drohenden europäischen Weltkrieg und zwar wegen der Spannungen in den Balkanländern Bulgarien, Serbien, Montenegro und Griechenland. Zwei Jahre danach brach dann wirklich der Erste Weltkrieg 1914/18 aus.

Obwohl zu dieser Zeit, also um 1910 neu errichtete Kirchen in unserer Region noch im barocken, gotischen und romanischen Stil gebaut wurden – es wirkte immer noch die Epoche des Historismus nach – hat man in der kleinen Pfarrgemeinde Dietelskirchen – sie zählte damals 520 Seelen – die moderne Richtung bevorzugt. Der Jugendstil im Kirchenbau war nämlich nicht unumstritten. Als neubarockes Beispiel einer Kirche ist der zwischen 1910 und 1912 entstandene Neubau von St. Margareth in Achdorf, Stadt Landshut zu nennen. Anders war die Situation bei profanen Bauten, in der der Jugendstil gerade in München im „Schwabinger Bereich“ bei vielen Bürgerhäusern große Erfolge zeigte.

Warum gerade ein Münchner Architekt mit der Planung und dann noch in der neuen Stilrichtung beauftragt wurde, ist nicht bekannt. Ausschlaggebend mag vielleicht sein, daß Josef Elsner zum einen auch in Vilsbiburg ein Planungsbüro unterhielt, er aber zum andern an bestehenden Kirchen unserer näheren Umgebung (z.B. Lichtenhaag und Treidlkofen) bereits Veränderungen und Erweiterungsbauten im Jugendstil geplant und durchgeführt hat. Sein Kostenvoranschlag vom 15. April 1911 für die neue Kirche in Dietelskirchen lautete auf 55.000 Mark.

An Handwerkern wurden dann beschäftigt: Für die Gesamtleitung des Kirchenbaus Georg Breiteneicher, sen. aus Vilsbiburg, als Zimmermeister fungierte Josef Ellwanger aus Gerzen. Türen, Treppen und Fenster lieferte der Schreiner Andreas Wittmann aus Geisenhausen. Als Stuck- und Rabitzmeister holte man Richard Bucher von Gosbach bei Blaubeuren. Marmorteile lieferte die Kiefersfeldener Marmor-Industrie. Die Altarsteine bearbeitete dann der Vilsbiburger Steinmetz Peter Klopfer. Der Münchner Bildhauer Anton Kaindl fertigte den Kreuzweg und die Armenseelen-Darstellung sowie die Apostelfiguren im Presbytherium. Für die Leuchter, vor allem im Hochaltar, zeichnete der Gürtler und Silberarbeiter Josef Gasser aus München verantwortlich. Für die Kirchenstühle erhielt der Schreiner Matthias Zehentbauer aus Seyboldsdorf den Auftrag. Er lieferte 1918 noch die Kanzel nach.

Die Altarausstattung beruht auf der Planung von Josef Elsner und wurde 1914 in München ausgeführt. Der Hochaltar kostete 3126 Mark, die Seitenaltäre je 1779 Mark. Die Altarbilder sind leider nicht signiert. Die Sakristeiglocke und die Ewig-Licht-Ampel stellte der Gerzener Schlossermeister Johann Bick her. Das Geläut wurde 1913 vom Landshuter Glockengießer Hahn gegossen, die Turmuhr von Josef Frischmann in Laaber hergestellt. Den Zuschlag für die neue Orgel erhielt die Regensburger Firma von Willibald Siemann, der sie 1914 aufstellte.

Der Baukörper der Pfarrkirche war 1913 fertig, im Jahr darauf die Einrichtung bis auf die Kanzel. Die Weihe der Kirche fand wegen Ausbruch des Ersten Weltkriegs nicht statt. Um Gottesdienste halten zu können, wurde sie allerdings benediziert. Sie wurde dann erst am 3. Juli 1921 mit einer, wie es heißt „symbolträchtigen Zeremonie nach dem alten Rituale Romanum“ gefeiert. Die Seitenaltäre wurden, wie in der alten Pfarrkirche, der Hl. Familie und den Heiligen Joachim und Anna geweiht, die Kirche selbst jedoch nicht mehr dem Hl. Ulrich, sondern dem Titel „Ihrer Unbefleckten Empfängnis“. Doch nun eine kurze Betrachtung der Jugendstil-Merkmale an und in der Kirche. Jugendstilornamente sind bereits außen an den Pilastern zu erkennen. Für den Betrachter ist gerade der Blick vom Pfarrhof auf die Ostseite für den Gesamteindruck unerlässlich. Im Gegensatz zur Neugotik herrschen bei der Ornamentik breite, fast behäbige Wellenlinien vor, die sowohl an der Fassade, am Langhaus, dem Turm und dem Chorfenster und erst recht bei der Altarausstattung auffallen. Vor allem fällt die breit angelegte, nicht mehr hohe Altaranlage wie bei Altären anderer Stilrichtungen auf. Bemerkenswert ist auch die Farbigkeit. Gerade reicher floraler Schmuck an den Altaraufbauten und Säulen kennzeichnen hier den Jugendstil. Von hoher Qualität und beherrschend erscheint das über dem Hochaltar in Blau gehaltene Glasfenster. Hier bewiesen Architekt, Pfarrherr und natürlich die Kirchenverwaltung einen gewissen Schneid. Das Fenster nimmt so fast die Stellung einer Retabel ein. Es wurde übrigens von der Münchner Kunstanstalt Josef Bockhorni geliefert. Der Kunstmaler August Pacher zeichnete für den Entwurf, sein Kollege Edenhofer für den Karton verantwortlich.

Hervorzuheben ist vor allem die Reinheit des hier praktizierten Jugendstils. Nichts ist überladen oder übertrieben. Jedes Detail stimmt. Besonders ist die Tatsache zu betonen, dass in den vergangenen Jahrzehnten bei Renovierungen behutsam mit der Substanz umgegangen worden ist, dass keine, dem Stil nicht gerechten Veränderungen oder Einbauten vorgenommen wurden.

Dr. Georg Brenninger, er war in der Diözese München-Freising für die Erfassung und Inventarisierung der kirchlichen Kunstgegenstände tätig, hat umfassend über diese Kirche in der historischen Zeitschrit „Der Storchenturm“ geschrieben. Leider ist noch keine Zusammenschau über im Jugendstil erbaute oder veränderte Kirchen für unsere Region und darüber hinaus erschienen.

Wir aber wissen, daß die Dietelskirchener Pfarrgemeinde natürlich stolz ist auf ihre nicht alltägliche Kirche.

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