Älter als gedacht

Neue Erkenntnisse zur Stadtgründung von Vilsbiburg
Archäologische Ausgrabungen im Stadtkern von Vilsbiburg belegen, dass die Stadt deutlich früher gegründet wurde als bislang angenommen. Nach den neuesten Forschungsergebnissen erfolgte die Stadtgründung nicht erst um 1260 – 1270, sondern bereits im Jahrzehnt nach 1200. Eine bei der Grabung 2025 entdeckte Stadtbefestigung entstand schon vor 1211 und wurde in den folgenden Jahrhunderten mehrfach ausgebaut und verstärkt.
Anlass für die großflächigen archäologischen Untersuchungen waren die Planungen der Stadt Vilsbiburg, auf dem Großparkplatz Färberanger ein Mehrzweckgebäude und eine Brauerei zu errichten. Die Ausgrabungen wurden in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres im Auftrag der Stadt Vilsbiburg von der Kreisarchäologie Landshut durchgeführt.
Dabei legten die Archäologen im Herzen der mittelalterlichen Stadt die Fundamente einer bis zu 1,50 Meter breiten Stadtmauer aus Backstein frei. Ihr waren zwei massive Gräben vorgelagert. Die Stadtmauer durchzog das gesamte Grabungsareal und war als sogenannte Zweischalenmauer errichtet: An den Außenseiten bestanden die Mauerschalen aus sorgfältig gesetzten Ziegelreihen, während das Mauerinnere ausschließlich aus zerbrochenen Ziegeln bestand, die mosaikartig zusammengefügt verlegt worden waren.
Parallel zur Mauer verliefen die zwei Befestigungsgräben, die jeweils sieben bis acht Meter breit und bis zu drei Meter tief ab dem heutigen Geländeniveau waren. Sedimentablagerungen auf den Grabensohlen belegen, dass beide Gräben einst bis zu 1,60 Meter hoch Wasser führten. Sie waren vermutlich mit der Vils verbunden.
Am Rand des inneren Grabens, direkt zur Stadtmauer hin, konnten zudem die Reste einer hölzernen Palisade nachgewiesen werden.
Um Entstehung und Bedeutung dieser Wehranlage für die Stadtgeschichte von Vilsbiburg genauer zu bestimmen, wurden im Auftrag der Kreisarchäologie organische Materialien aus beiden Gräben sowie aus Befunden anderen Grabungen, die in den vergangenen zwei Jahrzehnte innerhalb der Stadt stattgefunden hatten, untersucht und verglichen. Die Analysen erfolgten mittels Radiokohlenstoffdatierung (14C Datierung) in einem spezialisierten Labor.
Die Ergebnisse belegen, dass der innere Graben mit der zugehörigen Holzpalisade bereits vor dem Jahr 1211 als Stadtbefestigung angelegt wurde.
Dieser Befund widersprich der bisherigen Annahme, wonach die Wittelsbacher die Stadt Vilsbiburg erst in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts, wohl um 1260 – 1270 gründeten. Da keine schriftlichen Überlieferungen zur eigentlichen Stadtgründung Vilsbiburgs existieren, galt dieser Zeitraum in der Forschung bisher als wahrscheinlicher Zeitpunkt der Stadtgründung.
Allgemein folgte im Zuge mittelalterlicher Stadtgründungen auf die Wahl des Standortes in der Regel die planmäßige Anlage und Parzellierung des Ortes. Für die neu gegründete Stadt Vilsbiburg bedeutete dies unter anderem die Anlage des breiten Straßenmarktes sowie die Festlegung der bis heute im Stadtplan erkennbaren hufeisenförmigen Stadtgestalt.
Ein zentrales Element jeder mittelalterlichen Stadtgründung waren die Befestigungsanlagen. Im 12. und 13. Jahrhundert bestanden diese üblicherweise aus einer Palisade, einem Wall und einem vorgelagerten Graben. Die Errichtung solcher Wehranlagen war ein aufwändiges Gemeinschaftsprojekt und lag in der Verantwortung des Herzogs als Stadtherrn.
Dass in Vilsbiburg bereits in den ersten beiden Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts ein Stadtgraben mit Holzpalisade bestand, ist ein klarer Beleg dafür, dass Planung und Parzellierung der Stadt zu diesem Zeitpunkt bereits abgeschlossen gewesen sein müssen.
Nur wenige Jahrzehnte später wurde die Befestigung der Stadt erheblich ausgebaut. Zwischen 1268 und 1323 errichteten die Vilsbiburger – wohl erneut auf Geheiß des Herzogs – die Stadtmauer aus Backstein. Ihre endgültige Gestalt erhielt die Befestigung des Ortes zu Beginn des 15. Jahrhunderts. In den Jahren 1420 – 1422 führte der Herzog von Bayern-Ingolstadt, Ludwig VII., Krieg gegen den Herzog von Bayern-Landshut, Heinrich XVI. den Reichen. Bereits ab 1418 verstärkten beide Seiten ihre Befestigungen. Die Datierungen aus dem äußeren Graben belegen, dass auch die Errichtung des zweiten wasserführenden Stadtgrabens von Vilsbiburg in diese Phase fällt.
Bereits im Jahr 2012 waren bei archäologischen Ausgrabungen nahe der Stadtpfarrkirche, die im Zuge der Renovierung des dortigen Kindergartens durchgeführt wurden, Hinweise auf eine ältere Siedlung entdeckt worden. Auf Grundlage neuer Datierungen lässt sich diese nun in das 11. bis 12. Jahrhundert einordnen.
Auf der gegenüberliegenden Seite der Vils wurden in der Unteren Stadt bei Bauarbeiten ein verlandeter Altarm der Vils sowie eine Uferbefestigung freigelegt. Die 14C-Datierung der verbauten Hölzer zeigt, dass das Ufer zwischen 1271 und 1296 befestigt wurde. Weitere Untersuchungen in der Unteren Stadt belegen, dass eine dichtere Bebauung dieses Areals erst im 15. bis 16. Jahrhundert einsetzte.
Noch jünger sind die ältesten Baustrukturen, die bei zahlreichen Grabungen im Bereich der Oberen Stadt nachgewiesen werden konnten. Sie lassen sich frühestens an das Ende des 16. Jahrhunderts datieren.
Auf Grundlage dieser neuen Erkenntnisse ist es erstmals möglich, die Entwicklung der Stadt Vilsbiburg in vier großen Phasen nachzuzeichnen:
1.Phase: Vor der Gründung
Im hohen Mittelalter, dem 11. und 12. Jahrhundert lag im Bereich der heutigen Pfarrkirche Vilsbiburgs eine Siedlung. Dabei dürfte es sich um das aus Urkunden bekannte Dorf „Biburg“ handeln.
2.Phase: Die Stadtgründung
Die Wittelsbacher planten ihre Stadt auf der grünen Wiese. Die erste Befestigung Vilsbiburgs mit Graben und Palisade wurde zu Beginn des 13. Jahrhunderts, genauer vor dem Jahr 1211 angelegt. Die Gründung der Stadt muss also in den ersten beiden Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts erfolgt sein.
Erst zwischen 1271 und 1296 sah man es als notwendig an, das südliche Ufer der Vils zu befestigen. Das dahinterliegende Land blieb noch unbebaut.
3.Phase: Die erste Erweiterung
Im 15. und 16. Jahrhundert fassen wir die erste Erweiterung Vilsbiburgs: Am Südufer der Vils entsteht die Untere Stadt.
4.Phase: Die zweite Erweiterung
Auf diese erste Erweiterung folgte ab dem Ende des 16. Jh. eine zweite Erweiterung: die Obere Stadt.
Abb. 1

Abb. 2

Die zwischen 1268 und 1323 errichtete Stadtmauer Vilsbiburgs im archäologischen Befund (Foto: Landratsamt Landshut, Th. Richter).
Abb. 3

Abb. 4

Abb. 5

Abb. 6
