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11/28/17

Ein „gequixter“ Gesang beim Engelamt

In sauberer deutscher Schrift hielt Pater Palmatius Mühlbauer um 1914/18 seine Erinnerungen an die Kindheit in Vilsbiburg fest. Hier ein Ausschnitt aus „Die Engelämter“.
Ein Blick zur Orgelempore der Spitalkirche von der Mathias Mühlbauer die morgendlichen Gottesdienste miterlebte. (Foto: Archiv Heimatmuseum Vilsbiburg)

Mathias Mühlbauer erinnert an die Kindheit Advent – Jeden Morgen in die Kirche


Die Zeit vor dem Weihnachtsfest war im ausgehenden 19. Jahrhundert keineswegs der kommerzialisierte Jahrmarkt, wie wir ihn heute mit seinem Glühweinduft und einer Fülle von Leckereien kennen. Es gab auch keine Aneinanderreihung von Christbaumversteigerungen und Weihnachtsfeiern mit kalorienreichem Festessen. Die Adventszeit war vielmehr bis nach der Christmette am Heiligen Abend eine Fastenzeit, die in der Regel nur eine Mahlzeit pro Tag erlaubte. Darüber hinaus durften in den vier Wochen vor dem Fest keine feierlichen Trauungen stattfinden. Die vier Sonntage vor Weihnachten standen über Jahrhunderte hinweg symbolisch für die viertausend Jahre der Buße, die es dauern würde, bis der Erlöser zur Menschheit zurückkehren würde.


Wie es an jedem Morgen in der Adventszeit in der Familie des Kürschners Mühlbauer zuging, kann man in der Museumsschrift zur Sonderausstellung „Kindheit in Vilsbiburg“ nachlesen. Nachdem nach dem Fastengebot das Frühstück schon einmal ausfiel, stapften Mathias Mühlbauer und seine Geschwister, nur mit einer „Münzenkugel zur Anfeuchtung“ ausgerüstet, bereits kurz vor sechs Uhr morgens durch das nächtliche Vilsbiburg zum Engelamt. Vor dem Jahr 1900 zerrissen weder eine elektrische Straßenbeleuchtung, noch ganze Kompanien von Lichterketten die Dunkelheit der frühen Morgens. Diese Rorate-Messen wurden Dienstag, Donnerstag und Samstag in der Pfarrkirche, Montag, Mittwoch und Freitag hingegen in der Spitalkirche gefeiert. Mühlbauer bekennt offen, dass den Kindern die Gottesdienste im kleinen Gotteshaus am Torturm nicht nur wegen des kürzeren Weges am liebsten waren. Dort durften sie nämlich immer zur Orgel hinauf gehen wo der alte Herr Wöhrl am Spieltisch saß. „Er hat fast schöner gedudelt, wie die Drehorgel vom hinkenden Lenz bei der Balkmühle draußen.“ Ist der geneigte Leser schon an dieser Stelle reichlich verunsichert, ob dies als Kompliment aufzufassen ist, wird der Autor bezüglich des Gesangs noch deutlicher. „Vor der Orgel haben sie gesungen, die Tochter vom Herrn Lehrer hat hoch gequixt und die Frau Maurermeister Wagner hat tief geflötet. Es hat nicht schön getan.“ Der Grund, warum die Kinder dennoch so gerne die Orgelempore erklommen haben, lag in der Person des Totengräber-Michels. Der war nämlich für die Bewegung des Blasebalgs verantwortlich. Dies tat er mit zwei Stricken, die sich rhythmisch auf und  bewegten. „Das war das Schönste“, stellt Pater Palmatius in der Rückschau unverblümt fest.


Messe zu Ehren Mariens

Es darf also bezweifelt werden, ob der spätere Kapuziner als Vilsbiburger Lausbub den wahren Sinn der Engelämter schon realisiert hatte. „Rorate“ ist der Beginn eines Wechselgesangs in der katholischen Liturgie. In dieser Messe wurde auch das Evangelium von der Verkündigung durch den Erzengel Gabriel an Muttergottes gelesen, daher auch die zusätzliche Bezeichnung Engelamt. Vermutlich wurden die Rorate-Messen bereits im 5. Jahrhundert mit dem Dogma „Maria als Gottesgebärerin“ eingeführt. In Bayern sind sie seit dem 15. Jahrhundert nachweisbar. Das Besondere an dieser Art von Gottesdienst war, dass er, wenn es draußen noch dunkel war, bei Kerzenschein gefeiert wurde. Ob Mathias Mühlbauer diese feierliche Adventsstimmung beeindruckt hat oder doch nur die emsigen Bemühungen des Totengräbers, die Orgel mit Luft zu versorgen, bleibt in der in der neuesten Ausgabe der Vilsbiburger Museumsschriften veröffentlichten interessanten Schilderung ziemlich offen

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